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Schaubude: Objekttheater „Hinter der Haut“ zu den Tagen der Hochschule (Puppenspiel der HS „Ernst Busch“)
Wie das Leben manchmal spielt: Von der CSD-Riesen-Parade stürzte ich in die Schaubude zur kleinen Objekt-Parade. Beides gabs am gleichen Tag. Zufällig.
Über die erste ist im Wesentlichen zu sagen: Alles wie immer. Das ist auch in Ordnung, immer neue Sensationen wie sich steigernde Teilnehmerzahlen kann man nicht ewig erwarten. Die großen Wagen fand ich auffällig langweilig gestaltet - offensichtlich sollte möglichst wenig von den Logos der Betreiber - Sponsoren, politische Parteien, schwule Initiativen, Lokalitäten und Veranstalter usw. - ablenken. Ebenso gleichförmig, ja geradezu farblos die Massen dahinter, auch auf den Wagen viel nacktes, rhythmisch zuckendes Fleisch zur Party-Musik, leicht gequält wirkende Ausgelassenheit. Aber ab und zu auf dem Asphalt sehr aufwendige, phantasievolle Kostüme, Dragqueens mit noch riesigeren Haaraufbauten als gewohnt, auch recht einfallsreich aufgemachte Gruppen, z.B. mit Windrädern auf dem Haupt für erneuerbare Energien demonstrierend. Von diesen Objekten der Seh-Begierde dann also zu den Objekten in der Schaubude.
Auch hier ist fast alles wie immer. Auch, daß bei den Studenten, anders als bei den Puppen-Profis, die zumeist solistisch oder zu zweit spielen (müssen), 5 junge Damen und ein junger Mann auf der Bühne stehen - von verschiedenen Puppenspiel-Ausbildungsstätten, was der Sache Bedeutung verlieh. Sie hatten in einem 3-Wochen-Kurs nach Objekttheater-Gemäßem zum französischen Märchen „Eselshaut“ gesucht: „HINTER DER HAUT“. Das Märchen entsprich ungefähr dem Grimmschen "Allerleirauh".
An den Tagen davor, das sollte gesagt werden, gab es mehreres mit Puppenspiel, was ich leider nicht sehen konnte. Ich werte hier also nicht etwa das Ganze. Finde es aber eigenartig, daß im 40. Jahr des Bestehens der "Ernst Busch"-Puppenspielabteilung kein Blick zurück geworfen wird, z.B. auf frühere Absolventen. Käme da zu viel Problematisches ins Blickfeld? Zuviel verdrängte Erinnerung?
»Objekte sind Erinnerungsstaubsauger«, so Christian Carrignon, der zusammen mit Katy Deville den Objekttheater-Kurs an-geleitet hat. Beide sind das Théâtre de Cuisine aus Marseille. Ich kenne beide als eine der ersten Objekttheater-Protagonisten um 1978 (!!!); Katy als Seejungfrau, die über und mit den Händen auch in einem Aquarium agiert, aus dem am Ende das Wasser fließt und auch sie zusammensackt, das habe ich noch deutlich vor Augen. Ebenso auch die mit Küchenkram erzählte Geschichte von Christian C., nach der sich das Theater auch nannte. Beachtlich, daß es immer noch existiert.
In „Hinter der Haut“ stellte sich mir einfach wieder dar: Objekttheater ist im Grunde ein sehr requisitenlastiges Theater der Akteure, um den Begriff "Schauspieler" mal zu vermeiden. Ich sah im Grunde keinen Moment, der unbedingt Puppenspieler benötigte, was die Umsetzung betraf. Anders ist vor allem das Herangehen, das Denken, die Phantasie. Das Ganze steht und fällt mit den Regieeinfällen, die hier sicher vor allem von den Akteuren kamen.
Und so gehört es zu den Abstrusitäten der Puppenspiel-Meinungsmacher, die so lange das Objekttheater als DAS Puppentheater der Zukunft gepuscht haben, daß sie Objekttheater, was mit Schauspielern realisiert wurde statt Puppenspielern, meist ignoriert haben. Denn da gab es einiges. Drohten ihre Thesen dadurch in Frage gestellt zu werden?
Auffällig in „Hinter der Haut“: Die Komplexität einer Handlung mit Objekten oder auch nur größere Handlungsbögen mit Objekten umzusetzen, scheint schwer. Vieles fand statt, oft etwas langgezogen verschiedene Versionen der gleichen Märchenepisode. Selten entwickelt sich das Eine aus dem Anderen, immer neue Ansätze, immer neue Requisiten. In Erinnerung bleibt mir der Sex des Königspaares, wenn die kleine Prinzessin entsteht: Der junge Mann, auch sonst öfter auffällig körperlich agil wie ein Pantomime, agiert mit Handfeger (Fegen!) und Mehl, da hob es in der Materialwahl mal wirklich ins Metaphorische ab.
Eindrücklich auch der Moment des Begehrens der Tochter durch den König in der einen Variante: Er ist ein Kratzer mit handförmigem Ende, die Akteurin fährt sich damit langsam den nackten Arm hoch... selbst erschrocken, angewidert blickend.
In die Tiefe ging das sonst selten, eben auch, weil Episoden und Einfälle sich reihten, nur in der Rahmenhandlung kam es zu Interaktionen der Truppe. Für die Ambivalenz der sich selbstgewählt hinter Schmutz und Eselshaut verbergenden Schönen fand sich kein Bild.
Im Objekttheater wird das Material ja selten animiert, es soll bedeutungsgeladener Gegenstand bleiben, nicht zur selbst handelnden Figur werden. Als an diesem Abend aber einen kurzen Moment und auch nur sehr schlicht eine kleine Gummi-Echse animiert wird, kurz, als mal Puppenspiel stattfindet, steigt das Interesse im Saal sofort spürbar.
Es ist eben schwierig, wenn im mittlerweile quasi Eigenproduktions-freien Schaubudenprogramm, wo professionelles Ensemblepuppenspiel nur noch ferne Erinnerung ist, solche Studenten-Abende vielleicht nicht nur ungewollt, sondern auch so angekündigt zum Höhepunkt werden und dann aber "nur" ein besserer Werkstattabend stattfindet. Auch wenn dabei inzwischen kaum noch andere als Studenten & Friends im Saal sitzen, der dadurch auch mal wieder voll ist, die das Ganze maßstablos aber frenetisch bejubeln. Nochmal gefragt: Brauchts dafür Puppenspieler? Auf Youtube findet sich ein Video, wo Jonas Kaufmann hinter der Bühne vor seinem "Werther"-Auftritt einmal kurz aber wirkungsvoll mit einem Gummibärchen herumspielt. Der Mann ist nebenbei einer der weltbesten Tenöre. http://www.youtube.com/watch?v=e7NoMxHtvg4
Zurück zum Schaubuden-Abend: Als ich dann mit den Regisseuren kurzen Kontakt und Erinnerungsaustausch hatte, relativierte sich das sofort: Sie sahen den Abend durchaus bescheiden als das Ergebnis eines Dreiwochenkurses.
Tut sich und den Studenten die Schaubude mit dieser Programm-Politik wirklich einen Gefallen?


