(Aufführung zu den Tagen der Hochschule an der Schaubude, s. dazu auch auf unserer Startseite: Objekt-Parade )


Die Frau von Vorgestern

Ein Handpuppenspiel - frei nach Motiven von Roland Schimmelpfennig "Die Frau von früher"

Regie: Melanie Sowa
Spiel: Karoline Vogel, Freda Winter, Johannes Everard, Christoph Levermann


Ein junges Liebespaar steht frierend an einer Hauswand. Sie sind unentschlossen, sie umarmen sich, sie trösten und wärmen sich. Gehen sie noch zusammen nach oben? Aber was werden die Eltern sagen? Und lohnt es sich überhaupt, nach oben zu gehen? Dass sie sich trennen werden, ist bereits klar, es muss sein. In der Wohnung herrscht Chaos, Kartons stehen herum, Sachen hier und dort, denn der Umzug steht bevor. Die Eltern werden wegziehen, und er, der Sohn, muss mit. Nun heißt es, seiner Liebe Ade zu sagen, und er beteuert, dass er sie nie vergessen wird und schwört ihr die ewige Liebe.

Die Geschichte wird mit viel Witz und Humor erzählt und gespielt, aber sie endet tragisch, und dennoch bleibt sie - oder gerade deswegen – authentisch.
Die meisten von uns kennen die Situation. Man ist frisch verliebt, zum ersten Mal. Man schwört seiner Liebe ewige Treue. Doch was, wenn man sich trennen musste - und plötzlich steht nach 24 Jahren die "Ewige Liebe" wieder vor der Tür und fordert dieses Versprechen  ein?
Wir haben dieses Versprechen selbst gegeben. Wir denken noch oft an diesen Satz zurück, und wir haben diesen Satz auch oft wiederholt. In anderen Lieben. In neuen.
Auch im Stück ist die Liebe von damals längst verheiratet, lebt ihren Alltag und hat einen Sohn. Da steht sie aber nun, die alte Liebe, plötzlich und unverhofft, und natürlich völlig unpassend mitten im Umzug. Mit ihrem Auftauchen und dem Einfordern des Versprechens durchfährt sie die festgefahrenen Gewohnheiten der Familie, alles gerät aus den Fugen, Streit entsteht, Eifersüchteleien und Neid, längst vergessene Situationen und Liebesbeteuerungen von damals kommen wieder ans Tageslicht.
Noch mehr Nachdruck bekommt das Ganze, weil sich die Geschichte wiederholt, denn auch der Sohn, wie eingangs erzählt, ist zum ersten Mal verliebt, und er schwört seiner ersten Liebe ewige Liebe.
Es bleibt unklar, warum die "Ewige Liebe" vor der Tür steht. Was sind ihre Motive? Erinnert sie sich vielleicht nach einer gescheiterten Beziehung an diese große Liebe zurück und fordert nun die Einhaltung des Versprechens von damals? Um Genugtuung zu erhalten? Um Misserfolge zu kompensieren? Oder weil diese Liebe wirklich über Jahre nicht vergessen werden konnte und die Sehnsucht sie zurück treibt? Wir erfahren es nicht.
Doch die Konfrontation wird hart und härter. Nach großem Tumult und lauter Verzweiflung gibt es einen Racheakt, durch den am Ende die ganze Familie getötet wird. Dieser Amoklauf ist der überraschende, schockierende Höhepunkt der Geschichte. Das Töten ist ein aussichtsloser Versuch, das Versprechen aus der Welt zu schaffen, der Lüge ein Ende zu bereiten.

Die Figuren, mit denen gespielt wird, wirken auf den ersten Blick etwas klein, die Köpfe und der Gesichtsausdruck sind nicht deutlich zu erkennen. Die Kleidung ist zurückgenommen und farblich schlicht gehalten. Nach einiger Zeit des "Einguckens" erkennt man aber plötzlich doch ein Gesicht und es formt sich allmählich der Charakter der Figur. Möglich wird das durch die sehr genauen Bewegungen der "Körper" und durch das differenziert gespielte Verhalten der Figuren in der jeweiligen Situation. Vielleicht ist es sogar das Ungefähre der Gesichter, das den nötigen Freiraum lässt, um der Figur durch das Agieren einen Charakter zu verleihen. Erst das Spiel mit den Figuren lässt deren Charaktere erkennen. Besonders beeindruckend ist das gezielte Einsetzen der Armbewegungen - manchmal glaubt man, dass die Hände beweglich sind -, auch die Kopfdrehungen, das Laufen, Beugen, Bücken oder Dinge von A nach B tragen: Die Familie befindet sich ja im Umzug, es wird in Kisten gekramt, etwas gefunden, heraus- oder hingestellt. Man beobachtet das als Zuschauer gespannt, weil es genau, aber nicht naturalistisch dargestellt ist. Es wird mit leicht angezogenem Tempo gespielt, so dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers ständig gefordert wird, man bleibt an der Geschichte dran und will verstehen, was warum geschieht.
Nicht minder beeindruckend ist die Einfachheit des Bühnenbilds. Das meiste geschieht im Korridor der Familie. Man sieht einen Raum mit 4 Türen: Haustür, Tür zum "Kinderzimmer", zum Schlafzimmer der Eltern und die Tür zum Bad. Das Zusammenspiel der Figuren gelingt durch ihr Hinein- und Heraustreten in den oder aus dem Korridor. Manches geschieht auch hinter den Türen – das ist sehr reizvoll, denn durch Rufen, durch Gespräche oder Geräusche versteht man, was passiert, auch ohne die Figuren zu sehen.
Der zweite Schauplatz befindet sich vor dem Haus der Familie. Es ist eine große, flächige Häuserwand (vermutlich aus Pappe) mit ein paar Fensterchen. Der dritte Schauplatz ist das Einfamilienhaus. Ein aus Pappe ausgeschnittenes, zweidimensionales Haus, das zur jeweiligen Spielsituation "nur" hochgehalten wird. Die Eingangstür und die Fenster sind herausgetrennt. Die Figuren gehen ganz selbstverständlich durch die "offene" Eingangstür, um in das Innere des Hauses zu gelangen. Nach einem kurzen Moment wird das Papphaus umgedreht und wir sehen die "Inneneinrichtung": tapezierte Wände mit Bildern - so einfach, so überzeugend gelöst.

Das Stück wird verdeckt gespielt, die Spieler selbst treten nicht in Erscheinung. Das gilt mittlerweile als "altmodisch". Aber gerade das macht diese Spielweise vielleicht wieder bedeutend und interessant. Man ist nicht abgelenkt durch den sichtbaren Spieler und kann sich - oder muss sich - ganz auf die Figuren und deren Agieren konzentrieren. Das zwingt die Spieler zur Genauigkeit und ermöglicht eine handwerkliche Perfektion. Zudem zeigt sich wieder, dass der Wirkung von Puppen voll vertraut werden kann.
Das Publikum war überwältigt. Wir haben gelacht, fanden es komisch und witzig, und es war zugleich verdammt ernst. Dieser Ernst in einem Puppenspiel und das Vertrauen in die Puppen ermöglichen die Faszination an dieser Aufführung.
Am Ende gibt es etwas, das nur mit Figuren möglich ist: eine verbrannte Puppe. Ein Massaker hat stattgefunden. Und langsam, ganz langsam schließt sich die Tür des Hauses, sie fällt von allein in Schloss. Stille. Ende.
Großes Theater mit so kleinen Mitteln.