von MARGARD WOHLFARTH, Kultur-und Theaterwissenschaftlerin

Was sich Deutsches Nationaltheater nennt und Puppenspiel betreibt, kommt im Kleist-Jahr nicht umhin, sich diesem großen deutschen Dramatiker zu widmen. Zumal einer seiner bedeutendsten Texte das „Marionettentheater“ zum Gegenstand hat. Das geschah - wohl leider nur einmalig (?) – am vergangenen Donnerstag an einem der schönsten und ange-nehmsten Sommerabende dieses Jahres im fackelbeleuchteten Garten des Brandel-Antiqua-riates in der Scharnweberstraße vor ansehnlichem Publikum! – Ganz anders gearteten Puppentheatern waren wir in letzter Zeit auf der anderen Seite des Müggelsees begegnet. Bei einem Familienfest im Neu-Helgoland begeisterte das Papiertheater INVISIUS generationen-

übergreifend mit einer Aufführung des „Freischütz“ (es kann immer eingeladen werden zu solchen Anlässen!). Und zu Pfingsten freuten wir uns am Altmärkischen Puppentheater auf der Müggelheimer Kirchenwiese, das - mit seinen wunderschönen Hohensteiner Holzpuppen - Theater als „moralische Anstalt“ (Schiller) betrieb, indem es die Kinder zum Grüßen ermunterte. Der Kasper, der eigentlich den vom bösen Räuber entwendeten Struppi suchen sollte, sagte solange „Auf Wiedersehen“ und verließ die Bühne nicht, bis die Kinderschar ihn im Chor verabschiedet hatte! – Ganz anders natürlich Peter Waschinsky, der gehalten war, sich Kleist zu nähern und dies behutsam tat unter Einbeziehung auch anderer Texte und Inhalte. Ohne Goethe und das Puppenspiel vom Doktor Faust zu zitieren, war das nicht möglich. Und der „Zauberlehrling“ gewinnt in einer Stadt, in der Autos brennen, eine neue Bedeutung! – Was habe ich gesehen und gehört? Zunächst die verschiedensten Figurinen von der „echten“ Marionette des gelehrten Mannes Dr. Faust über Eigenwilligeres wie den Gliedermann im Ende der Aufführung. Besonders schön auch die Papierkreationen am Anfang des Kleist-Dialogs und die Schwanenseepassage. Die Mitte, der zentrale Punkt und sein Verlust – das Essen vom Baum der Erkenntnis, der Schritt, den Kleist am Ende zurückgehen will, um ins Paradies zurückzukehren, war mir sehr eindrücklich im Dialog der Schlange mit ihrem Meister. Die Machtübernahme, symbolisch verdeutlicht durch

die Übergabe und Übernahme des Nimbus durch die Schlange, die mich als Figurine besonders überzeugte! Deren Ähnlichkeit mit dem Zauberlehrling, im verführerischen Häkellook alles andere als anarchistisch und terroristisch anmutend, ließ viele Assoziationen zu von der Vergeblichkeit, die Welt zu verbessern – Fausts Intention – bis zu ihrer willentlichen (?) Vernichtung durch die Macht der Finsternis. Nicht alles ist umsetzbar von Kleists Text, die Bären-Szene z.B. kam trotz Hundespaß nicht so recht ins Laufen. Die

Aktion auf der Gasse am Schluß hatte ihre vertiefende Bedeutung für mich (der Hilfsbe-dürftige „hinter den Hecken und Zäunen“ wurde „Vati“ genannt) durch Matth. 25,40.

Wer will, mag das nachschlagen, wenn er die Entschlüsselung kennt. – Übrigens habe ich leider Mendelssohns „Soldatenliebschaft“ in Altenburg/Gera versäumt., die Peter Waschinsky inszeniert hat .Kann man die nicht in Friedrichshagen spielen? .... - Das Deutsche National-theater Fritzenhagen lädt übrigens abAugust wieder ein in den Spree-Pavillon und natürlich jeden Montag zum „Traum vom Fliegen“ auf dem Friedrichshagener Marktplatz.

(Die Mendelssohnoper wäre viel zu aufwendig - die Film-Version von ARTE lief im Friedrichshagener UNION-Kino. Waschinsky und Ecard traten mehrmals bei der Montags-Demo gegen die geplanten Überflüge auf, aber nicht immer, Näheres rechts unter "Traum vom Fliegen")