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5. Festival des jungen Puppen-, Figuren- und Objekttheaters
20. bis 27. Okt. 2012 in der Berliner SCHAUBUDE
- hier täglich neue Berichte!!! Jedenfalls geplant
1. Abend
Den offensichtlich tief beeindruckenden ersten Abend konnte ich nicht sehen.
Congo, my Body
(KONGO / FRANKREICH) Es spielen ehemalige Kindersoldaten aus dem Kongo. Puppen, Musik und Tanz. Äußerung einer Zuschauerin: „Unheimlich beeindruckend, unheimlich hart“.
Allenthalben wird bestätigt, ein stärkere Festival-Eröffnung war kaum denkbar.
2. Abend
Reineke Fuchs
Puppentheater Magdeburg, Regie Nis Sogaard, Puppen, Szenografie: Barbara Weinhold, Nis Sogaard
2 Personen betreten mit militantem Gehabe ein Laboratorium mit Gerätschaften und kleinen toten Körpern, lesen aus einem großen Buch den Bericht über das Geschehen, das sie offensichtlich untersuchen wollen und steigen dabei mehr oder weniger in die jeweils handelnden Figuren, eben der zumeist Tierleichen. Dieser Übergang bleibt eher nur behauptet, zumal Michael Hatzius die Tiere eindrucksvoller selber „verkörpert“ als von beiden mit Puppen gespielt wird. So daß der Versuch, der Puppenebene Gewicht zu verleihen, nicht recht aufgeht – in dieser Konstellation wäre im Grunde konsequenter gewesen, es beim Menschen-Spiel zu belassen und die Figuren nur als tote Objekte zu behandeln, als quasi Indizien fürs vergangene Geschehen.
Die Distanz der Untersuchungsebene zur eigentlichen Handlung wird durch viele verschiedene Mittel hergestellt, mehr Konsequenz hätte sie wohl verdeutlicht.
Der Fuchs ist eine menschliche Frauenfigur – sicher, er hats im Unterschied zu den meisten überlebt, aber daß er als Wiedergänger der Bestimmerin (Susanne Sogaard) auftritt, statt daß Reineke selber seinen Untersucher noch einwickelt, ihm auch jetzt bei der Untersuchung noch Schnippchen schlägt und das Geschehen in seinem Sinne – eben mit den Puppen – verdreht darstellt, löst er als Frauen-Puppe eher Verwirrung aus. Und so wirkt das Verhältnis der beiden Akteure – Sie von vornherein militante Bestimmerin, er Untergebener – letztlich losgelöst von der eigentlichen Geschichte, in der es ja umgekehrt ist: Der eigentlich machtlose Reineke trickst unterwürfig schleimend immer wieder die anderen aus, vor allem die tumbe Machtfigur Löwen-König. Wäre dies auch in der Rahmenhandlung so, würde sie eher wie eine Fortsetzung der Geschichte wirken, wie es ja wohl gemeint ist.
Das ist alles weitgehend beachtlich gespielt und gesprochen; für mich verloren sich die kleinen, wunderbar morbiden Puppen ein bißchen. Er hat mehr Spielräume, da sie letztlich immer den Fuchs gibt. Manchmal in Puppenszenen, wenn der Text etwas (zu) lang und für diese Puppen unergiebig wird, sprechen die Akteure „selber“ weiter, m.E. akzeptables Mittel, hier nicht genug konsequent angewendet.
Dennoch hat die wie heute wie fast immer offen gespielte Inszenierung - des Regisseurs erste (!) - ihren eigenen Stil und viele ansehnliche Details, vielleicht war eine gewisse Unordnung der Ebenen und Mittel einfach nicht konsquent abstrus genug. Auf jeden Fall darf man auf Weiteres gespannt sein. Susanne Sogaard hat durchgängig starke Präsenz und Hatzius gehört sicher zu den profiliertesten deutschen Spielern der jüngeren Generation.
Langer starker Beifall.
Das Schöne an diesem Tag war, nicht nur jüngere Spieler, sondern auch junge Regisseure zu erleben. Eine Diplom-Regie war zu sehen in
JE VOUDRAIS ETRA TOI - Ich möchte du sein
Rodeo-Theatre / ESNAM Charleville-Meziers FRANKREICH
Regie u.a.: Simon Delattre, Spiel Samuel Beck, Simon Moers
Ein Zwilling erschießt seinen Bruder. Das wird viel reflektiert, aber letztlich nicht erklärt. Sicher wäre Erklärung hier banal, aber so bleibt es auch ein wenig wie ein Krimi ohne Lösung...
Die Brüder in gleicher Kleidung, Kopf fast verdeckt vom Kapuzenshirt, bleiben statuarisch. Auf Sofa, Stuhl oder stehend. Dazwischen Black. So wird eigentlich nicht geschauspielt, allerdings lange geredet.
Jedenfalls bleiben auf diese Weise die Puppenszenen, wo die Spieler wenig zu sehen sind, der Hauptakzent. Und in ihnen ist wohl auch am ehesten der Grund des Mordversuchs zu erkennen.
Der liegt nicht nur in der Kindheit im Sandkasten, wo das eine Kleinkind das andere mit Sand bewirft, sondern noch davor: Im Bauch der Mutter. Ein Aquarium, die Brüder als weiche rundliche Wesen haben skurrile Dialoge, während sie im Wasser schwimmen und mit der Nabelschnur spielen, sie werden einfach von den Spielerhänden geführt. Der wohl beeindruckendste Moment des Stückes. Der auch etwas Humor setzte gegen den ernst-psychologisierenden Grundton des Ganzen.
Abgesehen von 2 mysteriösen Tigermasken und der etwas umstrittenen (Nicht-) Lösung am Ende war der Einsatz der Mittel weitgehend einsehbar, bis hin zum Schuß: Nach dem naturalistischen mit Pistole und Knall war es in den filmartigen Wiederholungen eine leuchtend rote Schnur zwischen ausgestrecktem Zeigefinger des einen und Rücken des anderen, der Weg des Geschosses.
3. ABEND
Sa. 22.10.
Interessanter Abend heute abend. Jedenfalls im Schaubuden-Foyer. Erst wurde ich als der angegriffen, der das (DDR-) Puppentheater Berlin, heute Schaubude, abgewickelt hat (wie hätte ich das tun sollen? Ich war für die Umstrukturierung der verstaubten Staatsbude, kleiner Unterschied) und bald darauf von jemand anderem als der, der hier jemanden zur Stasifrau stempelt (hab ich auch nicht), kurz, es war was los.
Achso, im Saal gab es auch 2 Stücke, wie fast jeden Abend.
Nein nein, das Theater war schon die Hauptsache, überhaupt ist zu bemerken, daß aufmerksam geguckt, fast nie rausgegangen wird und ganz leise Ansätze zur Bussi-Gesellschaft im Foyer sofort verschwinden, wenn das Licht ausgeht.
ANTIGONE
nach Anouilh, Regie Anna Ivanova-Brashinskaya, Kunstakademie Turku FINNLAND
5 Frauen in grauen Kleidern reden und handeln nacheinander mit kleinen Stoffpuppen, den Gestalten der antiken Handlung, und gleichzeitig ihr Spielzeug. In diesen Szenen mit den einzelnen Frauen – jede ist Antigone – werden die Puppenpartner jeweils sichtbar (wie faktisch in jedem Stück bisher) geführt. Sauber – aber eigentlich etwas steril. Es wird sauber gelaufen und sich bewegt, mehr kaum. Trotzdem entstehen manchmal interessante Spannungsfelder zwischen Spielerin und Puppe. Nur werden eben die Puppen kaum zu Persönlichkeiten.
Zwischendurch gibt es Reminiszenzen unterm Tisch wie Kinderspiel einschließlich Puppen herumwerfen. Andererseits gibt es auch eine Art sprechender „Chor der Frauen“.
Beeindruckend die Szene, wo der Tote – auch eine Stoffpuppe – im Sandhaufen auf dem Tisch von den Spielerinnen begraben wird, jede tut das auf andere Weise...
Eine saubere, durchkalkulierte Aufführung. Ich hatte Probleme, den englischen Text akustisch zu verstehen, vielleicht hat sich mir deshalb das Ganze nicht recht erschlossen.
Starker Beifall.
(Nachtrag 24. 10.: Wie ich erfuhr, waren es Studentinnen erst des 2. Studienjahres, die hier eine erste komplexere Arbeit vorstellten. Auf die Haben-Seite gehört sicher, daß sie nicht überfordert wirkten)
NACHTS – ein Traumspiel
Regie Enno Podehl, Spiel und Szenografie Mirjam Hesse DEUTSCHLAND
Es war, was der Titel versprach. Ein kaninchenartiges, verknotetes Stoff-Etwas kommt vom Monde geflogen, eine dünne Figur schreitet und tanzt, es wird mit Spielkarten und einem Schiff hantiert, alles im langsamen Fluß, eher zusammenhanglos, aber ineinander übergehend, eben wie ein Traum.
Und nicht ein, sondern zwei Knie wandern durch die Welt. Teilweise suggestive Momente werden durch eine meist archaisch-esoterische Musik unterstützt, die mir allerdings irgendwann zuviel wurde in ihrer Eintönigkeit.
Mirjam Hesse bewegt konzentriert den dünnen Läufer, Schiff und anderes, nur der Hase darf das Gleichmaß der gleichbleibend langsamen und somit gleichbleibend bedeutenden Bewegungen aller Figuren und Objekte mit schnelleren, spielerischen Bewegungen brechen.
Die Spielerin ist nicht recht definiert, sie bewegt die Figuren und ist zumeist quasi wegzudenken. Manchmal aber ist sie auch selbst Akteur – dieser Übergang war etwas unklar behandelt. Daß sich die auf die großen Quader des Bühnenbildes mit Kreide geschriebenen Worte als welche aus einem Paul-Celan-Gedicht erweisen würden, wirkte für mich ein wenig aufgesetzt. Das hübsche Stücklein wirkte so ein bißchen künstlich aufgewertet, statt für sich selbst zu stehen: Eine Nachtphantasie, nicht mehr. Aber auch keinesfalls weniger.
Langer starker Beifall.
Ein Zwischen-Resumee sei gewagt: Gibt’s noch was anderes als offenes Spiel und direkt geführte Puppen? Das war schon vor 40 Jahren nicht neu – worum es ja auch nicht geht. Sondern um sinnvollen Einsatz dieses wie jeden Mittels. War der immer gegeben?
So gesehen wich das Zwillingsdrama „Je voudrais etre toi“ gestern wohltuend ab, eine Szene (Sandhaufen) war sogar fast illusionistisches Puppenspiel. Daß es das noch (oder wieder) gibt!
Und: Muß dermaßen viel Musik aus der Konserve eingespielt werden? Mal (bescheidenere) selbstgemachte Musik? Fehlanzeige.
4. Abend
der Versuchung.
Ich bin in Versuchung, meine Maßstäbe zu ändern. Und zwar nach oben. Dieses Stück setzte einfach neue Maßstäbe.
FRAGILE ZERBRECHLICH
von und mit Isabelle Darras und Julie Tenret, Regie: Agnés Limbos (Der Rest: Großes Kollektiv) BELGIEN
Eine größere dreigeteilte Drehbühne ermöglichte drei recht unterschiedliche Spielräume. Zunächst ein naturalistisches Wohnzimmer, an den Wänden kriechen Schaben, spielen, necken und lieben sich vermutlich durch Magneten durch die Wand geführt, später Mäuse auf dem Boden – und dann das Spielzeug des nur kurz aus dem Schrank guckenden Kindes. Autos bauen einen Unfall, Einsatzwagen kommen usw. später gibt es fast Panzerkrieg gegen eine Demo... Alles mal OHNE einen sichtbaren Spieler. Die beiden Spielerinnen dann in der nächsten Abteilung, bewegen direkt winzige Figuren um ein Haus, in das ein Brautpaar einzieht, die Spielerinnen belauschen es – es endet mit Krach und der Braut in der Mülltonne, Hier fiel schon auf der großartige Umgang der beiden miteinander und ihre immer wieder neu hergestellte Beziehung zu den Figuren.
Daneben ganz groß eine weiße Figur, die die Braut in der Tonne sein könnte, von beiden abwechselns zur Mini-Welt manipuliert, dies beachtlich. Nach kurzem sah ich die Spielerinnen nur noch als Partnerin der Puppe, nicht als ihre Manipulatoren, grade wenn sie miteinander in Interaktion traten – und gleichzeitig aber immer noch die Puppe führten.
Grandios der 3. Akt: Nach Minitheater-Eröffnung mit Flughafenszene – ein Flugzeug landet, das Gepäck kommt zum Zoll – geht’s in groß weiter. Die Damen sind nun roboterhafte Zöllner, die die Kiste öffnen, Spielzeughasen herausholen und sie absurd vermessen, roh auseinanderzerren und an den Händen in „Hände hoch“-Position an Bügel hängen.
Der dritte Hase aber überstehts nicht, ein Ohr ist ab.
In der nächsten Szene Solo dieses Hasen, wieder direkt manipuliert. Aber so, daß man die Damen völlig vergißt. Obwohl die Bewegungen Comic-haft sind, kriegt er eine solche Identität, erregt gleichzeitig Lachen und Mitgefühl, wie es auf dem Festival bisher wohl kaum zu sehen war. Sie schaffen, was gute Pantomimen können: Den Puppenkörper zu sich selber fremd zu machen, verwundert auf das Unterteil zu sehen, weil das ein Eigenleben bekommt. Für mich Höhepunkt, als der Hase sich am Schwanz und damit eine Schnur herauszieht und nahezu geschockt feststellt, daß er eine Spieluhr in sich hat. Plingpling... Und dann heftet er sich mit dem Büroklammeraffen jenes papieretikett ans Ohr, wie es die beiden anderen Hasen zuvor bekamen und hängt sich an den Bügel.
Es blieb Puppen-Theater und wurde bittersüßes Mini-Drama. Bravo!
Und nun trau ich mirs zu schreiben: Im Vergleich dazu war der Umgang mit den Puppen sonst doch meist eher so, daß ich es auch Schauspielern, Musikern usw. zutrauen würde. Sorry.
Langer lauter Beifall, rhythmisch! Das „nette“ Publikum macht dann doch Unterschiede.
LE DESTIN – DAS SCHICKSAL
von und mit Karine Birgé, Marine Delhaye, Regie Agnés Limbos, Bühne Antoine Blanquart BELGIEN
Dieses Material hieß früher Staniol-Papier, oder Silberpapier, also dünne Metallfolie, wie zum Schokoladeverpacken. Daraus zusammengeknautscht meist dünne, an kurzen Stäben von hinten offen geführte Puppen, quasi Strichmännchen. Sie laufen, springen, spielen in mal spielerischen, mal mehr oder weniger symbolischen Szenen, wie die der grazilen Tänzerin, die uns eine richtige Ballerina vors innere Auge zauberte, welche sich begeistert immer mehr Blumen ansteckt, bis sie unter ihrer Last zusammenbricht. Andere Figuren verenden an Stromschlag durch den Mond oder der Gewalt anderer Figuren. Nach der kleinen kommt die gleiche in riesengroß und wirkt jetzt so ganz anders, bedrohlich.
Das ganze war ein wenig aus der Abteilung „Womit man alles puppenspielen kann“, heute eben mit diesem Material, war manchmal ein Quentchen zu lang, fing sich aber fast immer wieder und hinterließ einen schönen Gesamteindruck. Und ein wenig Parallelität zum vorigen Stück, ebenfalls aus Belgien und - der gleichen Regisseurin. Warum nicht?
Starker Beifall.
5. TAG
Was ist zu sagen? Meinerseits nichts – es war aussichtslos, für die nur 30 Plätze eine Karte zu bekommen.
6.TAG
Zwei äußerlich ähnliche Vorstellungen – offenes Spiel von Künstlern, die sich allerdings wohl nicht als Puppenspieler verstehen – und beide auch noch von der gleichen Schule, waren dann nahezu extrem unterschiedlich.
THREE POEMS – A TRILOGY
DREI GEDICHTE – EINE TRILOGIE
Jacqueline Pearl, ISRAEL (Diplom-Inszenierung an der School of Visuel Theatre, Jerusalem)
Das Genre Performance entstand, als Maler anfingen, öffentlich zu malen und der kreative Akt statt des Ergebnisses „Bild“ nach und nach zum Eigentlichen wurde. Jacqueline Pearl ist offensichtlich bildende Künstlerin. Im Verhältnis zu den wuchtigen Themen, die sie auf die Objekt-Bühne stemmt, das Objekt-Theater damit schon etwas überfordernd, sind ihre Figuren eher zuckrig. Aber durchaus als professionell zu akzeptieren. Alles ist künstlich wie im osteuropäischen Puppentheater der 60er Jahre, eine hübsche kleine Welt und somit atmen ihre Objektfiguren keine Geschichte. Das wird zum Problem. Vielleicht auch, daß ein bißchen viel bei ihren Papierpüppchen nicht recht klappt, ohnehin mit zumeist wenig Bewegungsfunktion ausgestattet. Man bangte gelegentlich mit.
Dennoch: Ihr fiel viel ein an Ausstattung, sogar ein hübsches kleines Kino wird naturalistisch installiert – es ist allerdings das Kino der Fabrikarbeiter, Sowjetunion der 30er und 40er Jahre, quasi Lagerähnliche Zustände. Dieses Bühnenkino erzählt was anderes.
Wie gesagt, die Ausstattung war visuell von einer gewissen Perfektion. Ihre Darstellung war eher das Gegenteil. Und leider sang sie auch noch. Und erstmals mischte sich in den wie immer starken Beifall ein zartes „Buh“.
JONATHAN / DER BLAUE TISCH
Golden Delicious Theatre, ISRAEL (Absolventen der School of Visuel Theatre, Jerusalem)
In Germany würde man sie Fräulein nennen. In Erscheinung und Habitus mischen sich Vamp, Jungfer und Chefsekretärin. Sie erklärt uns mittels Haushaltsgegenständen die Entwicklung der Tiere, heute: Die Mollusken.
Schon wie sie einen feuchten Lappen zusammenrollt, um daraus später eine Schnecke zu formen und deren Lebens- und Liebesweise zu demonstrieren, läßt Fräuleins Persönlichkeitsstruktur aufleuchten und wie sie den Lappen ins Wasser tut, offenbart einen Charakter. Sehr intelligent werden bis zur Beleuchtung durch eine Schreibtischlampe, zur Sonne umfunktioniert, die Gegenstände benutzt, ein Gummihandschuh wird Krake. Aber meist bleibt es eben nicht beim schlicht Originellen. Es passieren kleine große Geschichten – und immer stimmen die Ebenen, das Verhältnis zwischen Aktrice und den erzählenden Objekten.
Stürmischer Beifall, dabei ist die Vorstellung noch nicht zu Ende. Und nun kommt zu Ari Teperberg, jetzt nicht mehr Fräulein, sondern quicklebendige junge Frau, noch ein junger Mann, Inbal Yomtovian an den Tisch.
Das nun folgende Eifersuchtsdrama zwischen halben und ganzen Äpfeln – der Viertel-Apfel ist das quäkende Baby – samt Seefahrt, Mord und Selbstmord mit Küchenmessern, eine Rückblende in die Vorgeschichte wird gar als Tango von Äpfeln und ihren (sitzenden!) Manipulatoren erzählt, bestach vor allem durch seine weitgehende Genauigkeit, ja choreografische Exaktheit. Also dem, wofür man richtig üben muß, statt nur frei kreativ zu sein und Einfälle zu produzieren – die hier allerdings auch reichlich vorhanden waren. Und so entstand eine Komik, die das Publikum hinriß. Gesicht, Kopf, Körper spielen mit – und die „agierenden“ Apfel-Objekte werden nicht Nebensache
Stürmischer, rhythmischer Beifall und Füßetrampeln.
6. Tag
Mittlerweile habe ich mich mit einigen Studenten und Absolventen aus verschiedenen Ländern unterhalten, die Stimmung ist freundlich - schade, daß es kein größeres Diskussionsforum gibt.
Nur als ich dem einen oder anderen die Info-Zettel für dieses Bulletin reichte, lehnte eine Dame mittleren Alters ab: „Ich weiß schon, was für schöne (im Sinne von schlimme) Sachen über die Schaubude Sie immer schreiben“ und rannte jedem weiteren Gedankenaustausch davon. Das ist hier aber nicht das allgemeine Niveau, und offensichtlich wird das Bulletin auch gelesen.
“Peau d'Ane – Hinter der Haut“
Kurs-Ergebnis von Studenten verschiedener europäischer Puppenspielschulen, Leitung Christian Carrignon und Katy Deville, zwei Urgesteine des Objekt-Theaters. Ich hatte schon die erste Aufführung, die die beiden Leiter eben als Arbeitsergebnis betrachten, im Juni gesehen, hatte aber auch jetzt keinen wesentlich anderen Eindruck. Deshalb erlaube ich mir, das Wesentliche aus meinem damaligen Text hier zu übernehmen, vielleicht nur soviel: Die Einführung ist sehr lang, der Schluß sehr kurz – das reflektierte ganz einfach, wie der Kurs gelaufen war.
In „Hinter der Haut“ stellte sich mir einfach wieder dar: Objekttheater ist im Grunde ein sehr requisitenlastiges Theater der Akteure, um den Begriff "Schauspieler" mal zu vermeiden. Ich sah eigentlich keinen Moment, der unbedingt Puppenspieler benötigte, was die Umsetzung betraf. Anders ist vor allem das Herangehen, das Denken, die Phantasie. Das Ganze steht und fällt mit den Regieeinfällen, die hier sicher vor allem von den Akteuren kamen.
Auffällig in „Hinter der Haut“: Die Komplexität einer Handlung mit Objekten oder auch nur größere Handlungsbögen mit Objekten umzusetzen, scheint schwer. Vieles fand statt, oft etwas langgezogen verschiedene Versionen der gleichen Märchenepisode. Selten entwickelt sich das Eine aus dem Anderen, immer neue Ansätze, immer neue Requisiten.
Königspaar und Prinzessin drei verschieden große Kerzen, der König ist klug – die Kerze wird angezündet. Danach allerdings auch die beiden anderen, war das nicht die Aufhebung seiner Klugheit? In Erinnerung bleibt mir der Sex des Königspaares, wenn die kleine Prinzessin entsteht: Der junge Mann agiert mit Handfeger (Fegen!) und Mehl, da hob es in der Materialwahl mal wirklich ins Metaphorische ab.
Eindrücklich auch der Moment des Begehrens der Tochter durch den König in der einen Variante: Er ist ein Kratzer mit handförmigem Ende, die Akteurin fährt sich damit langsam den nackten Arm hoch... selbst erschrocken, angewidert blickend.
In die Tiefe ging das sonst selten, eben auch, weil Episoden und Einfälle sich reihten, nur in der Rahmenhandlung kam es zu Interaktionen der Truppe. Für die Ambivalenz der sich selbstgewählt hinter Schmutz und Eselshaut verbergenden Schönen fand sich kein Bild.
Im Objekttheater wird das Material ja selten animiert, es soll bedeutungsgeladener Gegenstand bleiben, nicht zur selbst handelnden Figur werden. Als an diesem Abend aber einen kurzen Moment und auch nur sehr schlicht eine kleine Gummi-Echse animiert wird, kurz, als mal Puppenspiel stattfindet, steigt das Interesse im Saal sofort spürbar.
Etwas ausführlicher kann man hier zu der Aufführung lesen auf Seite 2 "Objekt-Parade".
„Nun breche ich in Stücke“
Idee: Claudia Luise Bose (für sie freies Diplom-Projekt), Regie: Sandy Schwermer, Spiel: Claudia Loise Bose, Wiebke Alphei, Live-Sound: Maria Bohacek
Dieses „performative Objekttheater“ hatte ich auch schon gesehen, allerdings nichts geschrieben. Auch hier war mein Eindruck nicht wesentlich anders als ersten Mal: Am Anfang werden recht klar drei Themen gezeigt:
-
Kindergartenterror durch die Erzieherin – eine Reihe einfacher Stoffpuppen hängt an einer quergespannten Wäschleine, sie versucht sie in Zweierreihen zu ordnen – und verursacht selbst immer wieder die Unordnung,
-
Schneewittchen, schwarze Perücke, anreitender Prinz, mal kleines Spielpferd, mal galoppierende Aktrice, winzige Puppenmöbel als Zwergenhaus
-
Kind träumt vom eigenen Begräbnis als Erlösung, Friedrich Hollaender-Song „Wenn ich mal tot bin ist mein schönster Tag“.
Das ließ mich eine verfolgbare Linie erwarten – es ergaben sich aber mal mehr, mal weniger episodisch-assoziative Einzelszenen, deren Folge für mich nur teilweise einsehbar waren. War die Spielerin in Männer-Barock-Jacke jetzt ein Mann? Oder nur eine Frau, die die andere dominiert wie ein Mann?
Es gab durchaus starke Bilder, wenn z.B. die Unterdrückte (Frau? Kind?) in ein kurzes Kleid an der Wäscheleine schlüpft, nur die Hände gucken hilflos aus den Ärmeln raus. Und die körperliche Präsenz und das differenzierte Spiel beider Frauen (Wiebke Alphei wirkte jetzt viel ausgeglichener und damit nicht nur ein bißchen aufgesetzt kraftvoll wie beim ersten Mal) trug vieles weg.
Aber worum es da im einzelnen ging außer um Probleme weiblicher Identität, erschloß sich mir nicht wirklich. Und in Gesprächen mit jüngeren, auch jungen Mädchen, ergab keine Ekenntnis; ihnen ging es wie mir. Ich bin dafür vielleicht nicht der richtige Zuschauer – und Theater nur für ein bestimmtes Publikum muß im gewissen Maße auch erlaubt sein.
Erlaubt sein sollte aber auch, daß der Schreiber sich kritisch äußert, also auch mal „schöne Sachen“ schreibt, z.B. daß ich mich am 7. Festivaltag mittlerweile frage, ob durchgängig offenes Spiel und überwiegend Abwesenheit traditionsnäheren Puppenspiels, ja, auch nur animierten Materials, ob all dies tatsächlich dem ausschließlichen Trend entspricht, oder ob das „andere“ Puppentheater (das es durchaus gäbe, versicherte mir eine „Ernst Busch“-Studentin) nur nicht gezeigt wird. Oder daß ich mir in der Schaubude Ensemblespiel nicht nur von Studenten wünsche.
Das „bestimmte Publikum“ für ein Stück wie dieses war offensichtlich auch da:
Langer starker Beifall.
8. Tag
Stunde der Festivalwahrheit? Heute waren offensichtlich die meisten Studenten weg – der Rest füllte mit einigen Insidern und anderen Zuschauern den bis gestern meist noch krachvollen Saal nur noch zu einem Drittel. Das reale Interesse hält sich also leider in Grenzen, trotz Presse-Ankündigungen, Plakaten usw.
„Live in between – zwischen den Welten“
Idee: Katrine Karlsen
Regie: Catherine Poher, Stehen Haugesen
Dramaturgie: Jette Lund
Spiel: Katrine Karlsen, Chr. Viktor Rasmussen
Szenographie: Sissel Romme Christensen
Klang: Chr. Viktor Rasmussen / Lydsiken.dk
Das Programmheft schreibt: „Schließt man die Augen und stellt sich das Leben aus der Perspektive heranwachsender Jugendlicher vor, mündet diese Imagination fast immer in einem Klang. Einem Klang aus Ungewissheit, Unsicherheit und Fragen, aus all dem Bemühen, das eigene Ich zu begreifen. Was für ein Sound entsteht da?
Diese »Klänge des Lebens« werden dem Publikum entgegen geschmettert, zudem agieren zwei Darsteller interaktiv mit Lautsprechern, Mikrophonen, Kabeln und allerlei Ton-Equipment auf bisher ungesehene, ungehörte Weise.
LIVE IN BETWEEN ist eine Performance, die sowohl visuell als auch klanglich eine Herausforderung ist.“
Letzteres kann ich bestätigen. Der teilweise sehr laute Ton, blendende Lichter auf meist stockdunkler Bühne und vor allem lange Pausen machen das ganze anstrengend. Nicht bestätigen kann ich die „bisher ungesehene, ungehörte Weise“. Das mag ja für manchen Zuschauer stimmen, objektiv ist es nicht, es erinnerte eher an die 70er/80er Jahre, als derlei eben auch Vorführung technischer Möglichkeiten war.
Ich empfand den Abend als unrhythmisch und durch die vielen Texte aus der Konserve mehr wie ein angereichertes Hörspiel.
Einen animierenden oder höhere Bedeutung verleihenden Umgang mit Objekten habe ich kaum gesehen. Irgendwie bedient sich ja jede Kunstform gewisser Objekte – also kann man auch jede Kunst zum Objekttheater erklären.
Langer starker Beifall.
Morgen: Vielleicht noch ein Resumèe.
1. Tag nach dem Festival:
Es war in sich durchaus vielfältig. Auffällig die fast durchgängige Hemmungslosigkeit, die Vorstellung von Konserven-Musik begleiten zu lassen. Angenehm, wenn das mal nicht geschah, wie in REINEKE FUCHS, JETZT BRECHE ICH IN STÜCKE oder ESELSHAUT – auch Stille kann Athmosphäre erzeugen. Weiß man das nur noch in Deutschland?
Während Absolventen und höhere Semester allein oder zu zweit spielten, gab es nur einige wenige Ensemble-Auftritte, eher aus unteren Studienjahren (Turku „Antigone“) oder in Ausnahmesituationen (Kurs-Ergebnis „Eselshaut“). Letztere erinnern wieder daran, was von Puppen-Profis in der Schaubude nicht mehr produziert wird / werden kann. Auch nicht, wenn das Geld da wäre (Kleist-Projekt 2011, von der Schaubude abgelehnt). Ja, das schreibe ich immer – aber es ist ja leider Dauerzustand an Berlins einzigem „staatlichen“ Puppentheater.
Vom gegenwärtigen Trend „Zurück zur Figur als (Haupt-) Darsteller der dramatischen Gestalt“ war leider wenig zu spüren. Oder ist dieser schon wieder vorbei und war nur ein kurzes Zwischenspiel im Dauertrend „Bloß nicht verstecken als Spieler, bloß keine Puppen – man könnte es ja für Puppentheater halten“ ? Studenten erfinden ja gerne neu, was 5 Jahre zuvor grade auch schon mal neu erfunden wurde. Was sie – neu in der Szene – nicht wissen (können?).
Oder ist es einfach der Geschmack der Festival-Programm-Zusammenstellerin? Wär da nicht mal ein Wechsel dran, 5. Versuchung gut und schön. Soviel ich hörte, gibt’s auch unter jungen Puppenspielern wieder „richtiges“ Puppenspiel von Qualität und Originalität.
Auffällig im Gegensatz zu früher, wo die Polemik hohe Wellen schlug, ist das eher brave Hinnehmen von nahezu allem durch das junge Publikum, zumeist auch Puppenspielstudenten.
Insgesamt war es ein lohnendes Festival, innerhalb der genannten Einschränkungen durchaus vielfältig, von akzeptabler, manchmal hoher Qualität.


