Ein TV-Sender braucht einen Interviewpartner: „Sie sind doch der absolut kompetente Mann...“
Naja, bin ich  - aber was hat das mit diesen Monstern zu tun? Dann sitze ich im Studio, sehe auf Monitoren die kleine Riesin und – bin denn doch beeindruckt.
Offensichtlich auch der ansonsten nüchterne Sender und so macht er einen Tag lang Puppen zum Hauptthema. Wann gabs das je?
Zwischendurch gehe ich auch mal an den Ort des Geschehens, am Freitagmittag kommt man auch noch ganz nah ran. Später auf dem Gendarmenmarkt, als die Riesin in das Boot – ein richtiger alter rostiger Kutter, schwankend und scheinbar auf einem See aus Fontänen schwimmend – gehoben wird, ist der Platz voll.
Nein, was diese – vorerst nur eine – Puppe macht, ist zunächst kaum mehr als das, was eine gute Marionette kann.  Aber die Übersetzung ins Überdimensionale ist nicht nur einfach effekthascherische Vergrößerung. Plötzlich wird ein Augenlidschlag, eine Neigung des Kopfes zum Ereignis. Unperfekter als die schlichteste Computeranimation. Aber im Kontrast zu wirklicher Wirklichkeit im Umfeld, sichtbar und mühsam erzeugt, erinnern vor allem die minimalen Gesten der Riesin an kleine Marionetten und – in fast rührender Weise an uns Menschen. Vielleicht weniger als was wir sind, als wie wir uns wünschen. Unschuldig.

Man guckt wieder hin. Was heißt, „man“? Als ich am nächsten Tag unter die Linden komme, wähne ich mich auf einer Großdemo.  Die Riesenparty zum Nationalfeiertag hinter dem Brandenburger Tor wird zur Nebensache, alle wollen die Puppen sehen.
Die Riesin sitzt auf der Straße und schläft. Ewig geht es nicht los. Man sucht halbwegs günstige Plätze – vergeblich, alles ist voll, hunderttausende. Manche haben eine der Linden erklommen.
Jetzt will jemand gesehen haben, daß sich der Mund öffnete und sagt es weiter. Später wird ein Augenaufschlag zum Ereignis.
Als sie dann endlich nach empfundenen zwei Stunden aufsteht, geht Jubel und Bewegung durch die Menge.
Und dann kommt sie vorbei. So riesig wie in diesem Moment kam sie mir nie vor, da geht wirklich eine Gulliverin durch Berlin-Zwergenland. Und strahlt aus, als würde auch sie die Anwesenden bemerken. Aber ebenso, als hätte sie keine Ahnung von ihrer Größe und ihrer Macht.
Sie geht wirklich, setzt ein riesiges Bein vors andere. Guckt dabei immer wieder um sich und ... ist nach 30 Sekunden vorbei. Aber dafür – meine Begleiterin stimmt mir zu – hat sich das Warten gelohnt. Auch wenn es aussichtslos ist, nun noch die Hauptaktion sehen zu wollen, die Begegnung der beiden Riesen am Brandenburger Tor, wo Massen versuchen über Umwege hinzugelangen – nichts ist mehr möglich.

Berlin im Puppenfieber. Sicher tat der Medienhype das seine, man will sich dann auch beeindrucken lassen, aber bald stellt sich tatsächlich echte Faszination ein. Der kühle Berliner sagt angesichts groß angekündigter Ereignisses gern, wenn er dann vor den nackten Tatsachen steht: „Wat’n, das is alles?“. Hier nicht. Nein, noch am Abend, die Riesen schlafen in angedeuteter Umarmung vor dem Brandenburger Tor, abgehängt, umsäumt ein riesiger Menschenkreis die bewegungslose Szene. Freundlichkeit herrschte auch vorher im größten Gedränge. Und erstaunlich wenig Dreck bleibt zurück, gerade mal eine zersplitterte Flasche sehe ich. Menschen erzählen von ihrer persönlichen Begegnung; eine sonst eher verschlosssene Frau geht plötzlich aus sich heraus und spricht über die Riesin wie über die berührende Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen.
Die Umsetzung der schlichten Geschichte – leicht deutbar als Wiedervereinigung von Ostriesin und Westriese – in einem anderen Metier der pure Kitsch, scheint nur so möglich.

Alles an den Figuren wirkt zunächst umständlich. Die Spieler bewegen oder zutreffender (und im Französischen gebräuchlicher) manipulieren über Riesenkonstruktionen, ja Kräne die Marionetten - an Fäden, also Stricken, meist über Rollen von oben. Warum, wo doch ein ähnlicher Effekt viel einfacher mit von unten geführten Puppen möglich wäre? Warum wurde ausgerechnet die schwierigste Puppenspiel-Technik auf diese Dimension vergrößert?

Genau die gewisse Umständlichkeit der geradzu traditionell geformten Puppen, die nur mühsam und immer durchschaubar erzeugte Illusion, die am Ende aber durchaus Leichtigkeit erreicht, machen offensichtlich die Anziehungskraft aus. Nicht nur für Betrachter, die die heute im Puppentheater üblichen offen und in direkter Berührung geführten Figuren schon über haben. Jeder Schritt, jede Geste ist Arbeit der herumwuselnden roten „Lilliputaner“ – klein nur im Kontrast zu den Figuren. Sie stellen gewissermaßen auch die Distanz zur Illusion her.
Französische Künstler benutzen hier eine in Deutschland viel populärere Technik , die der Fadenmarionetten, um scheinlebende Wesen und gleichzeitig den aufwändigen, ja „knarrenden“ Prozeß ihrer Verlebendigung vorzuführen. Nicht für Kinder oder Erwachsene, sondern für alle!

Und alles in Erinnerung an ein politisches Ereignis, den Mauerfall, der dem Osten einerseits größere Freiheit – auch künstlerische – brachte. Dann aber auch die primitive Zurücksetzung eines Genres, das sich hier gerade enorm entwickelt hatte. Und beim künstlerisch interessierten Teil seiner Bevölkerung enorm an Ansehen gewonnen hatte: Dem Puppenspiel.
Statt die hierzulande dabei übliche Ensemblearbeit auszubauen – auch durch die begonnene Stärkung des individuellen Künstlers als Basis der Gruppenarbeit – wurde Berlin das westdeutsche Modell des kostengünstigen Einzelpuppenspielers übergestülpt. Argumente wie meine, das verstaubte Ostberliner Staatspuppentheaters neu zu strukturieren, wurden in schamloser Weise benutzt, um diesem Theater, inzwischen SCHAUBUDE, sein Budget zu rauben und bis heute das Genre Ensemblepuppenspiel in Berlin zu einer Angelegenheit von Laien und Puppenspielstudenten zu machen. Und Puppenspieler-Ansehen zu einer Sache mehr und mehr von Professoren- und anderen Posten. Einfache Puppenspieler sind, wenn es ernst wird, wieder gern mißachtete Randfiguren. Kurz: Zurück in die Hoch- und Tiefkultur-Ideologie des 19. Jahrhunderts.

Dieser rigorose Schnitt traf auch die Marionetten. Im Osten lange verdrängt, hatten sie um 1980 als erneuerte deutsche Traditionsform eine wichtige Rolle gespielt, als man sich von aufgepfropften ästhetischen Dogmen des Puppenspiels „sozialistischer Bruderländer“ befreite. Subtile Vorgänge wurden spielbar – ähnlich dem, was jetzt auch bei den Riesen neben der Größe die wohl eigentliche Wirkung hervorruft – und damit ebenso neue Stoffe. Auch politische.

Aber der Westen sah in den Marionetten wohl nur die zappelnden Augsburger Figuren – natürlich breche ich hier nicht generell den Stab über etwas, was so viele Kindheiten prägte – und konnte sich wieder einmal nicht vorstellen, daß der Osten auf einem Gebiet mal nicht hausbacken und zurückgeblieben ist. 

Berliner Kulturpolitik sieht im billigen Einzelpuppenspieler mit fünf oder 20 Puppen mittlerweile den Normalfall. Frankreich, das ja die Tradition des Puppenspiel-Ensembles kaum kennt (und uns vor Jahren das auf Dauer etwas problematische, weil vom Puppenspiel wegführende „Objekttheater“ bescherte), zeigt uns jetzt das Gegenteil: 22 Puppenspieler spielen nur zwei Figuren.
Es ist nicht hinzunehmen, daß Berlin ein Puppenspiel-Ensemble nur als Event und Ausnahme möglich macht! Die Kosten dafür entprachen übrigens dem Budget etwa einer halben Woche für Berlins drei Opernhäuser.

Berlin braucht eine neue Kunsthalle? Vielleicht.
Auf jeden Fall braucht es ein wirkliches Puppentheater. Jetzt!