Ich hatte einige eher mäkelige Rezensionen gelesen und dachte: Jetzt meckernse wieder.

Und freute mich auf eine nicht übertrieben verfremdete Aufführung mit freier Natur und Zeitereignisse um 1821, die die Handlung antreiben.

Es geht los mit einer musikfreien Szene, vom Librettisten geschrieben, von Weber aber nicht benutzt, die ein Handlunsmotiv vorbereitet – hier wird sie von einem Puppenspieler für ein paar Kinder auf einer Wiese gespielt. Das war überraschend und meine Erwartungen schienen sich zu bestätigen.

Zu früh gefreut.

Der Freischütz wurde noch nie verfilmt, aber andere Opern, und es schien mir, als seien die Erfahrungen weitgehend ignoriert worden. Bzw., als hätte man sich so sehr auf einige Aspekte, wie z.B. den Ton und ein paar bestimmte Sequenzen konzentriert, daß man für die meisten Arien und Dialoge keine Aufmerksamkeit mehr hatte.

Es gibt eine Idee und empfundene 5 Einfälle, letztere breit auf die 2 ½ Filmstunden verteilt, dazwischen Leerlauf und schlichtes Abspulen der Story. Besagte Idee an sich könnte aufgehen, nämlich das Geschehen statt nach dem 30jährigen Krieg und in den Böhmischen Wäldern nunmehr um 1813 in den Freiheitskriegen und in der Gegend um Dresden spielen zu lassen, also nah zu Entstehungszeit und -Ort der Oper.

Konkret sieht man dann aber nur ein paar Einsprengsel mit Soldaten, zu denen auch Max und Kaspar gehören, die den zumeist „normalen“, ja eher Friedens-idyllischen Charakter des Ganzen merkwürdig wenig berühren. Die Rolle der berühmten Wolfsschlucht spielt naheliegend das Elbsandsteingebirge - und das glänzend. Die Regie läßt hier massenhaft Soldatenleichen herumliegen – mit für die Inszenierung so gut wie keinen Folgen. Der Spuk ums Gießen der Freikugeln: Peinliche Computerspielästhetik, einfallsfrei.

Singende Opernsänger, einfach abgefilmt, sind fast immer ein Problem. Da geht’s nicht ohne das Grundeinverständnis des Zuschauers, daß hier gesungen wird, anders als in der Wirklichkeit – im Theater korrespondiert das mit stilisierten Dekorationen usw.; hier aber stehen sie eben in wirklicher Wirklichkeit wie Wald, Bauernhof oder einem Schlößchen. Das könnte Herausforderung sein – der Opernregisseur mit vermutlich wenig Filmerfahrung läßt die an sich vorzüglichen und durchaus spielfähigen Sänger oft allein bei Friedrich Kinds Dialogen. Deren biedermeierliche Pseudonaivität macht die erwachsenen Charaktere oft zu einschichtigen Bilderbuchfiguren, weil der Regisseur zum Textstil einfach keine Stellung bezieht, ihn etwa bewußt als Ausdruck der Hilflosigkeit benutzt, oder der Bindung an überholte Traditionen, ja Aberglauben – immerhin geht’s hier um ein uraltes aber längst sinnloses Ritual, den Probeschuß, der für Max zum Terror wird.

Im Libretto werden Spuk und Magie eindeutig als existent angenommen und sind somit Teil und Auslöser der Handlung – aber es wäre sicher auch möglich, sie als nur abergläubische Vorstellung der Figuren darzustellen, gerade im Film. Aber der bleibt diesbezüglich einerseits vage, bezieht aber auch keine interessante Ambivalenz daraus , also etwa so: Aller Spuk erscheint für den Zuschauer rational erklärbar – und dann plötzlich nicht mehr, die Welt ist eben doch nicht so leicht aufs Rationale zu reduzieren.

Die Arientexte schreien geradezu nach visueller Umsetzung, sie beschreiben oft, was anderswo oder früher geschah oder geschieht, im Film könnte man das aufnehmen und über die Illustration hinaus Zusammenhänge und Hintergründe vertiefen. Tut man aber meist nicht, wir müssen endlos der Gesangsarbeit der Sänger zusehen. Bei allerdings hervorragender Textverständlichkeit.

Das sehr junge Ännchen der wunderbar frischen Regula Mühlemann hat Momente, wo es klappt, da entsteht eine Filmfigur, nicht nur Theater im Schloß-Museum. Die drei übrigen Hauptpersonen sind gestandene Leute, die beiden Männer kann man sich noch als im Krieg gealtert und verwahrlost erklären. Agathe dagegen, hat sie vielleicht mehr als zehn Kriegs-Jahre auf die Hochzeit warten müssen? Könnte sein, aber die möglicherweise angestaute Spannung zwischen ihr und ihrem Verlobten erscheint nur einmal kurz gestreift, als er in einer surrealen Szene auf sie schießt.

Schade, schade, schade. Ich hatte gehofft, hier wird mal gezeigt, daß man alte Stücke durchaus nicht immer mit Gegenwartsbezügen überfrachten und die Figuren in Jeans stecken muß, um zu interessieren. Freischütz um 1813 bei Dresden scheint mir durchaus ein guter Ansatz – aber beim Ansatz bliebs dann leider in diesem engagierten und durchweg selbstfinanzierten Projekt.

Daß der Film von vielen im Netz gelobt, ja begeistert gefeiert wird, finde ich dennoch erfreulich und ich will niemandem seine Freude daran nehmen. Sie finden ja zu Recht Lobenswertes an der Sache und sehen eben eher das Positive. Vor allem: Daß hier mal nicht die Biedermeier-Oper von Schlaumeier-Regie erschlagen wird.

 

Zusammenfassung von Kritiken (offensichtlich nur der guten):

http://www.film-zeit.de/Film/21736/DER-FREISCH%C3%BCTZ/Kritik/

 

Regie: Jens Neubert

Drehbuch: Jens Neubert

Kamera: Harald Gunnar Paalgard

Schnitt: Martin Hoffmann

Musik: Carl Maria von Weber

Darsteller: Franz Grundheber, Benno Schollum, Juliane Banse, Regula Mühlemann, Michael Volle, Michael König, René Pape, Olaf Bär