Schon mehrere ganze Seiten füllt in meiner Zeitung der Mißbrauchs-Skandal an einer katholischen Schule. So, als wäre das eine einmalige, beispiellose Angelegenheit.

Hier werden wohl einfach gewisse Klischees erfüllt. Klosterschule, Männer, die keinen Sex haben dürfen, aber ständig von jungen Leuten umgeben sind, entsprechend Druck haben und tun, was man sich immer schon vorstellt. Ich hab mal Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ inszeniert, da ging’s auch mal kurz um von Nazis instrumentalisierte Gerüchte über das, was in den Sakristeien katholischer Kirchen so los wäre.

 

Nun haben wirs also wieder!

 

Und besonders gut daran: Alles passiert so schön unvermischt, so völlig klar: Priester bedrängt Schüler sexuell. Punkt. Sex im engeren Sinne fand nicht statt. Mehr muß man nicht erklären an komplizierten Details, die die Berichterstattung erschweren. Dafür ist ganz viel Raum für Empörung. Und alle können sich nun distanzieren - als wäre es nicht selbstverständlich, daß Mißbrauch abzulehnen ist. Und zwar in jeglicher Form, wenn auch besonders der von Minderjährigen. So selbstverständlich, daß ich hier kein weiteres Wort dazu ablasse.

 

Ich bin auch mal mißbraucht worden. Und habe jahrelang darunter gelitten. Vielen ist das passiert, in der einen oder anderen, aber leider nicht so pressegeeigneten Form.

 

Ich muß nun etwas ausholen:

Vor vielen Jahren hörte ich eine Sendung über vergewaltigte Frauen, die das lange nicht verarbeiten können und von Partnern genervt werden, die nach ein paar Wochen meinen: „Jetzt kannst du doch endlich mal vergessen!“

Aha, dachte ich und merkte es mir, ohne es eigentlich zu verstehen.

Dann wurde ich mal nachts auf der Straße zusammengeschlagen. Keine ernsten Verletzungen – trotzdem brauchte ich lange zur sogenannten Bewältigung, viel länger, als ich dafür theoretisch veranschlagt hätte. Und hatte in etwa verstanden, wieviel mehr Zeit man nach einer ernsthaften Vergewaltigung braucht.

 

Irgendwann aber hatte ich den Überfall nicht aus dem rationalen, aber aus dem emotionalen Gedächtnis gelöscht.

Worüber ich dagegen nicht so richtig wegkomme, war ein späterer Vorfall. Ohne körperlichen Übergriff, der es sicher nicht leichter, aber das Problem faßlicher darstellbar gemacht hätte. Ich hatte an der „Ernst Busch“-Hochschule protestiert, daß bei der Puppenspieler-Ausbildung zeitweise nur Schauspieler herauskommen. Verbunden mit Ausbildungsdefiziten, die die Branche belasteten und es z.B. mir als Puppenspiel-Regisseur schwer machen. Das löste großen Wirbel aus und alle, die sich meiner Kritik anschlossen – eine ganze Menge – wurden latent in den Topf der „Ewig Gestrigen“ geworfen, die angeblich zum reinen, biederen Puppenspiel zurückwollten. Worum es den meisten aber überhaupt nicht ging.

 

Da bekam ich durch Zufall ein internes Schreiben der Hochschule an den Berliner Senat zu lesen – nicht für meine Augen bestimmt - , in dem auf unsere Kritik an der Ausbildung nicht eingegangen, wir aber in übelster Weise in den Dreck getreten wurden: Wir seien verstaubt – und Waschinsky „fachlich und pädagogisch unter der Norm“.

In Wahrheit hatte ich zu der Zeit glänzende Kritiken und einen guten Stand bei den meisten Studenten, mir persönlich gegenüber äußerte sich die Hochschule auch ganz anders („Ihr perfektes Puppentheater“ schrieb der Rektor) und hatte mich sogar kurz zuvor als Lehrbeauftragten zur Reparatur eines Ausbildungsdesasters zurückgeholt, obwohl ich nach 25 Jahren als Gast-Lehrer eigentlich nicht mehr wollte.

 

Und dann wurde in besagtem internen Brief unter schlichter Verdrehung von Vorkommnissen in schwiemeligen Andeutungen von meiner permanenten Gewaltbereitschaft gegenüber Studenten und einem Übergriff bei einer bestimmten Studentin geschrieben. Kurz: Für Außenstehende wie die Senatsleute war „Vergewaltigungsversuch“ zu verstehen.

In Wahrheit hatte das Mädchen, als Problemfall bekannt, meinen Unterricht verlassen, weil sie nicht die gewünschte Rolle bekam – unter Zeugen. Ich hatte sie nicht berührt, nicht einmal angebrüllt. Und die Abteilungsleitung, der ich die Sache vortrug, hatte alles abgetan: „Die ist eben so!“

Sie galt unter Dozenten als nur bedingt ausbildungsfähig, wurde m.E. nur gehalten, um den Studienplatz besetzt zu lassen – als Legitimation vergleichweise gut bezahlter Dozentenstellen.

Das wiederum hatte ich kritisiert: „Ich bin kein Psychiater, sondern Puppenspiellehrer.“

 

Und nun las ich also, wie die Hochschule die Sache der Behörde darstellte. Daß eigentlich ICH schuldig und gewalttätig sei.

Ich war so schockiert und fühlte mich so gedemütigt und mißbraucht, daß ich damals möglicherweise falsch reagiert habe. Ich habe immer wieder Klärung und Gespräche versucht, die Hochschulabteilung lehnte ab oder reagierte nicht. Ebenso der Senat, der im Gegenteil die Hochschuldarstellung als abschließende sachliche Bewertung durch die „Fachleute“ behandelte (quasi traten die Verleumdungs-Täter als Sachverständige auf) und im übrigen auf die gesetzliche Hochschulautonomie verwies. Die soll eigentlich den Staat am Eingreifen in Lehrinhalte hindern – reale Auswirkung ist aber: Wer einen höheren Hochschulposten hat, kann machen, was er will. Und sich z.B. ungehindert mit angepaßten Leuten umgeben.

Durch mein Insistieren kam wohl doch eine Untersuchung in Gang – dabei wurden weder ich noch andere Zeugen befragt, und Fragen offensichtlich derart gestellt, daß die Untersucher sie so beantworten konnten: „Es gibt keine Beanstandungen, die Abteilung leistet interessante Arbeit“. Letzteres stimmt ja irgendwie fast immer.

Ich spürte immer wieder: Ich war für manchen schon der, der da was Schlimmes „gemacht haben soll – vielleicht ist ja was dran“.

 

Die Berliner Kulturausschuß-Vorsitzende Alice Ströver zeigte sich über besagten Brief tief empört – letztlich ohne Folgen.

 

Gegenüber der Hochschule argumentierte ich: Wenn ein Verdacht auf Studentenmißbrauch vorliegt, muß ihm nachgegangen werden. Ebenso ernstgenommen werden aber müssen auch Fälle von entsprechenden Anschuldigungen: Als einer der übelsten Versuche, Konkurrenz auszuschalten. Man muß als Lehrer sicher sein, vor entsprechenden Unterstellungen geschützt zu werden.

Keine Reaktion.

 

Im Gegenteil wirkte alles, als sei der Hochschule zwar mal bedeutet worden, daß bei ihr was nicht stimmt – insgesamt aber wurde sie faktisch ermutigt, in unfairer Taktik fortzufahren, was sich auch nach Auswechslung des Abteilungsleiters und unter einem neuen Rektor nicht änderte. Auch er sieht keinen Handlungsbedarf, schlimmer: Er äußerte allen Ernstes, seinen Kollegen kein Gespräch zumuten zu wollen.

 

Und so konnten einerseits die von uns monierten Fehlentwicklungen in der Ausbildung weitergeführt werden. Für die nach wie vor nicht kompetent besetzte Ausbildung der Königsdisziplin Marionette, mein Spezialgebiet, wird weiter keine Lösung gesucht. Weil sich im Umfeld der Dozenten dafür kein befreundeter Fachmann findet. Also wird die Marionette latent für „unwichtig“ erklärt.

 

Dafür gab es immer stärkere Anzeichen dafür, daß die Verleumdung meiner Person auf subtile Weise fortgesetzt wurde. Zeitweise war es, als sei ich nicht das Opfer, sondern der Täter. Bei nahezu jeder Arbeit wird meinen jeweiligen Kollegen etwas über Waschinskys angebliches Verhalten zugetragen - daß die meisten derer, die mich wirklich kennen, sich ganz gegenteilig äußern, ändert daran nichts. Und bei Bewerbungen von mir weiß die entsprechende Theaterleitung meist „schon Bescheid“ usw.

Als Ausgangspunkt der Gerüchte erweist sich immer wieder die Puppenspielabteilung der Hochschule „Ernst Busch“ - und aus ähnlichen Gründen ihre wichtigste Seilschaft, die Berliner SCHAUBUDE. (Je mehr sich mafiose Strukturen verdichten, desto leichter kann man entspr. Hinweise ja als „Verschwörungswahn“ abtun.)

 

Einige Zeit nach dem Vorfall wurde ich als kompetenter Vertreter der „Ernst-Busch“-Puppenspielmethodik (die ich ja mitentwickelt hatte) an die Elitehochschule für Puppenspielkunst in Frankreich geholt. Auch dort keineswegs unkritisch, arbeitete ich drei Jahre letztlich anerkannt und erfolgreich. „Der unbestrittene Meister...“ schrieb die dortige Presse. Aber als ich mich später an der „Ernst Busch“-Hochschule für eine Puppenspiel-Pofessorenvakanz bewarb, für die ich nachweislich allerbeste Voraussetzungen , Referenzen anderer Hochschulen usw. hatte, kam ich nicht einmal in die engere Wahl. Obwohl die Hochschule dringend einen kompetenten Marionettenlehrer brauchte.

 

Ich bin zwar vielerorts mittlerweile als der deutsche Puppentheatermann mit der nahezu beispiellosesten Erfolgskontinuität anerkannt, werde von der Presse „Puppenspiel-Legende“ und „Altmeister“ genannt. Aber nachdem ich vor zwei Jahren einen der größten Regie-Erfolge meines Lebens einfuhr („Soldatenliebschaft“), von Presse wie Publikum einhellig bejubelt, bekam ich nie wieder Arbeit an einem Puppentheater.

 

Warum? Ich gehe auf die 60 zu, bin schwul und inzwischen nicht mehr so sicher, ob man da in problematischen Situationen nicht doch zumindest unterbewußt etwas abfällig gesehen wird. Ich äußere ab und zu Kritik (auch die an der DDR scheint mir latent als Minus angerechnet zu werden, als „ewige Meckerei“). Vor allem moniere ich, daß die mageren Gelder für Puppenspiel allzuoft für etwas benutzt werden sollten, was eigentlich Schauspiel ist – und:

Weil ich mich gegen einen Mißbrauchsvorwurf gewehrt habe. Wie man eben schnell vom Opfer wenn schon nicht zum Täter wird, aber doch zu dem, dessen Person die Aura des Schwierigen, Problembehafteten umgibt.

Und genau wie im aktuellen Fall der Jesuitenschule kann man auch keineswegs sicher damit rechnen, daß der Fall überhaupt wahrgenommen und angemessen behandelt wird.

 

Ist es zynisch oder nur realistisch, wenn ich vermute: Hätte ich auf die Hauptschuldigen, den damaligen Rektor Völker und den früheren Abteilungsleiter Lorenz einen kleinen Rache-Anschlag verübt, wäre die Sache vielleicht eher untersucht und geklärt worden, ich hätte einen Verteidiger und psychologische Gutachter zur Seite bekommen und wäre – unter Hinweis auf meine sonstige Chancenlosigkeit und diese somit einzige Klärungsmöglichkeit zum Verbrechen geradezu gezwungen – mildernde Umstände zuerkannt und ein Urteil auf Bewährung bekommen.

Vor allem wäre aber die Angelegenheit nicht unter den Teppich gekehrt worden, wo sie ja keineswegs ruhig gestellt ist, sondern sich bis heute auswirkt. Bis dahin, daß meine beruflichen Erfahrungen fürs Puppentheater kaltgestellt werden – obwohl es dort keineswegs zuviele kompetente Regisseure gibt.

 

Ich bin übrigens nicht der Meinung, daß es mir besonders schlecht geht. Als risikobereiter Künstler muß man gewisse Dinge wegstecken, wo sie einen selber betreffen.

Aber ich sehe deutlich: Was ich bezüglich des Puppenspieler-Kerngeschäfts noch weiterzugeben hätte, nämlich wie der Puppe erhöhte Ausdruckskraft zu verleihen, würde der Branche nicht schaden – um es vorsichtig auszudrücken.

 

Und Mißbrauch – auch ein taktisch eingesetzter Mißbrauchs-Vorwurf ist letztlich einer – löst seelische Schäden aus, wie ich mir anmerke. Er ist alles andere als eine Lappalie. Nicht nur dann, wenn er in einem dem Klischee entsprechenden Milieu und unvermischt mit anderen Problemen, kurz pressefreundlich auftritt!

 8. Februar 2010

 (weiteres dazu: „Ernst-Busch-Lüge?“ und „Offener Brief“ hier in General-Generelles)

PS. 15. März Und dieses Wegdrängen des Kritikers, Mundtotmachen oder zum Idioten erklären, die scheint systemimmanent zu sein. Oder soll wirklich niemand auf die Situation des S-Bahn Fuhrparls hingewiesen haben? Was wird man in den Kontrollinstanzen gesagt haben: "Was wollen Sie denn? 3 Triebwagen funktionieren doch noch!" Und den Mann langsam rausgedrängt haben. Aus dem Job. Wenn er nicht Ruhe gab. Es ist der üble Berliner Polit- und Verwaltungsfilz, diese Ansammlung von Abschaum, der endlich mal gesäubert werden müßte, wenn man die Probleme beheben will.