Liebe Amokläuferinnen

liebe Amokläufer auch!

Laßt zu sprechen uns beginnen,

wie wir halten alten Brauch,

aber offen für Progress!

Ich eröffne den Kongreß!


Erstens wollen die Statuten,

daß der Vorstand rechnet ab,

zweitens Auszeichnung der Guten,

die die Welt gebracht in Trab.

Hierzu liegt ein Antrag vor,

leiht ihm gnädig euer Ohr:


Hedwig Schramm ließ explodieren

grad ein Wohnhaus mittels Gas.

Das ging allen an die Nieren,

14 Opfer, doch kein Hass

trieb konkret sie, wie sie schwor.

Goldmedaille schlag ich vor!


Kevin Kraus hat unverdrossen

sieben Kinder, einen Greis

ohne jeden Grund erschossen.

Doch daß er – drum keinen Preis! –

sich noch selbst des Lebens freu,

ist denn dies Statuten-treu?


Und noch mehr war regelwidrig,

daß Kurt Mai erstürmt ein Amt,

wo Beamte er von niedrig-

er Gesinnung totgerammt,

die korrupt war'n, faul und schlecht.

Sie zu murksen schien gerecht.


Nur zu der Vergeltung Zweck bloß

floß hier das Beamtenblut!

Amokfreunde! Einzig zwecklos

sei solch Tun – nur das ist gut.

Sonst hört unser Brauchtum auf:

Sinnlos sei der Amoklauf!


Weiter: Es ward hingemeuchelt

einer Bank der Vorstand ganz .

Mein Bedauern wär' geheuchelt.

Doch es trübt des Amoks Glanz,

daß hier Rache waltet', roh!

Amok läuft man einfach so!


Immer öfter wird gerochen

Unrecht. Doch beim Amoklauf

wird, und darauf muß ich pochen,

nur geschossen über'n Hauf,

wer aus Zufall kam vorbei.

Denn Amok sei planungsfrei!


Ach, an Schreibtischtätern Rache

üben und erfüll'n das Recht?

Nein, das ist nicht unsre Sache,

denn die Welt gesamt ist schlecht.

Wir tun allgemein Gewalt,

leih'n dem Schicksal so Gestalt!


Einen Bösewicht zu strafen,

das ist zu banal und stur!

Wer das tut, ach zu den braven

Rächern ja gehört er nur!

Von konkreten Gründen frei

stets der Amokläufer sei!


Sicher: Manchen immer schlimmer

dieser Rechtsstaat täuschend foppt

und betrügt. Doch wieso immer

mehr der Leute, die gemobbt

- frage ich nun - wehren sich?

Dies kann nicht erklären ich.


Liebe Amokläuferinnen,

liebe Amokläufer, laßt

uns auf Tradition besinnen,

bleibt bei Untat stets gefaßt,

ganz besonders, wenn sie stammt

von den Politikbeamt-


-en. Und Banken-Spekulanten.

Schleudert keinen Rachestrahl.

Besser wär, wenn überrannten

Amokläufer ohne Wahl

ihre Opfer einfach so,

schlicht, als gingen sie aufs Klo.


So bleibt schlecht die Welt im Ganzen,

und wir haben Grund, pauschal

weiter als Gewalt-Emanzen

zu erzeugen Not und Qual!

Doch straft man konkret, direkt,

ach, wie wäre der Effekt?


Woll'n wir wirklich, daß die hohen

Posten wen'ger Schlechtes tun?

Weil mal richt'ge Strafen drohen,

kein Geplänkel, so wie nun!

Gäb es was aufs Maul als Lohn,

wagt man wen'ger Korruption!


Und die Welt gäb – ich will schließen -

kaum noch Anlaß für Amok!

Drum laßt uns nur niederschießen

irgendwen! Sät Schreck und Schock!

Ich wünsch viel Erfolg indeß

unserem Amok-Kongreß!