„Ich muß dir ein Geheimnis verraten“, sagt der kleine Chinese zum großen Lokführer, „komm mal her“ Letztlich landet der Große im Liegen und bringt bereitwillig sein Ohr in die Höhe des Kleinen und der enthüllt ihm das Geheimnis. Dies Szene – vor 1000 Zuschauern – gabs nur einmal, im Unterschied zum Rest des Stückes. Und es wird sie nie wieder geben: Der Große ist tot.

Gerade las ich es in der Zeitung. Letzten Sonntag in der Frühlingssonne verursachte ein unter Drogen stehender 38jähriger Autofahrer mitten in Hamburg den Tod von vier Menschen. Einen kannte ich: Den Schauspieler Dietmar Mues, 65 Jahre alt. Es starben auch seine Frau Sibylle (60), der Autor Günter Amendt (71) und eine 65jährige Hambugerin.

Stirbt einer an Krankheit oder Alter – das ist traurig. Stirbt er durch Verantwortungslosigkeit – das ist furchtbar. Einen Moment lang denkt man an Todesstrafe für den Schuldigen. Was aber nichts ändern würde.

Mir liegen all die oft gelesenen Worte von „mitten aus dem Leben gerissen“, „unfaßbar“, „ratloses Entsetzen“ auf der Zunge. Formeln nur, aber man kann sie durch nichts ersetzen, was angemessener wäre. Hilflos durchsucht man alle Möglichkeiten zu reagieren – und findet, daß nichts adäquat ist.

Aber NICHTS ist vielleicht die am wenigsten adäquate Reaktion, weil zu nah einem stillen Einverständnis mit dem Geschehenen, und auch auf die Gefahr hin, völlig daneben zu greifen, hier ein bißchen was über den Mann, wie ich ihn erlebt habe.

Hamburger Schauspielhaus 2004, im Dezember gibt es „Jim Knopf und Lucas, der Lokomotivführer“ in einer aufwendig-gediegenen Aufführung, weder Augsburg-Imitat noch ins modern-heutige verfremdet. Ich spiele den kleinen Chinesen an meterlangen Fäden zwischen den Schauspielern. Unter ihnen Dietmar Mues als Lucas. Das Haus leistet sich Prominenz. Er ist eine Hamburger Größe, durch Fernsehfilme und Theater bekannt, spätestens durch den „Hauptmann von Köpenick“ am Kurfürstendamm auch in Berlin. Er tritt auch in engagierten Kleintheatern auf und ist ein freundlicher, aufgeschlossener Kollege, wir reden oft miteinander. Vor allem auf der Bühne – ich spüre, daß er zu meiner Puppe ein Partner-Verhältnis entwickelt, was mich einbezieht, er begreift weitgehend instinktiv, daß man mit der Puppe anders umgehen muß und unterstützt somit ihre Wirkung. Das ist keineswegs selbstverständlich. Im übrigen ist er die freundliche Dampframme der Aufführung, im doppelten Sinne zieht er mit der kleinen Lok alles mit – aber ohne sich als Star über die anderen zu erheben. Auch nicht selbstverständlich.

Eines Tages – ich stehe oben auf einer Brücke, meine Marionette unten im chinesischen Kaiserpalast - passiert es. Plötzlich Panne, zunächst von niemandem bemerkt. Ich bleibe ganz ruhig und lasse den kleinen Chinesen den Dialog wie folgt unterbrechen: „Lucas, ich muß dir etwas sagen“. Irritation? Wie kurz zuvor in einer anderen Aufführung, wo das Schauspiel-Gegenüber im eingespielten Monolog weiterratterte? Nicht bei Dietmar-Lucas. Völlig selbstverständlich ging er auf den kleinen Chinesen ein, machte, was der sagte, ohne zu ahnen, worum es eigentlich ging. Das nenne ich Vertrauen. Und traute mich, aus der Szene das Gegenteil einer Panne zu machen – weil da unten ein wirklicher Partner war. Dann hatte ich ihn in der richtigen Lage, setzte mich – also die Puppe – auf seinen Bauch und verkündete: „Ich habe ein großes Geheimnis. Ich hänge an Fäden. Und einer davon hat sich jetzt da in der Türklinke verklemmt und ich komme hier nicht mehr weg. Könntest du bitte...“ Lucas machte also den Faden los und langsam nahte sich unsere Improvisation, die im Saal wohl niemand als solche bemerkt hatte, wieder dem Stück.

Er strahlte Vertrauen aus.

Damals stand er unten, ich oben im Theaterhimmel. Nun ist es umgekehrt. Aber in der Wirklichkeit. Durch eine grausame, menschlich verschuldete und leider völlig irreparable Panne.