(Text vom Herbst 2009 - aber bis auf wenige Details immer noch aktuell)

Zunächst 2 Zitate:

Matthias Enzensberger kritisiert Klüngel im Kunstbetrieb
"Worauf es ankommt in der Kunst, auf dem Theater, in der Mode, im Film oder in der Literatur, das machen immer nur wenige unter sich aus." (...) nur sehr wenige Vermittler und Netzwerker würden alle wesentlichen Entscheidungen treffen. So seien "Galeristenkunst, Theatertreffentheater und Literaturkritikerliteratur" entstanden. Weder auf die Künstler noch auf das Publikum komme es heute noch an.  KULTUR & LEBEN 2005

William White (der Chefökonom der Bank für internationalen Zahlungsausgleich BIZ, der gewissermaßen Zentralbank der Zentralbanker, hat immer wieder vor dem Zusammenbruch gewarnt).
„Es gibt Grenzen der Argumentation. Wenn du deinen Punkt immer und immer wiederholst, hört dir irgendwann keiner mehr zu“ DER SPIEGEL 2009



POSTEN, PUSCHING, PUPPEN-VERMEIDUNG - 
Offener Brief an die deutsche Puppenspielszene 
von Peter Waschinsky


Daß Raffgier und Verantwortungslosigkeit zu den gegenwärtigen globalen Verwerfungen führten, ist mittlerweile Binsenwahrheit, kein Problem, es auszusprechen. Auch wer – scheinbar ganz anderes Thema – anatolische Abschottung in deutschen Großstädten kritisch sieht, ist nicht mehr gleich fremdenfeindlich. Warum ist dagegen offene Meinungsäußerung in der Puppenszene so schwierig, wie zu Machtgier und Verantwortungs-losigkeit von Postenbesitzern, oder zu Cliquen-Abschottung und Ignoranz? Hat sich hier schon eine wirkliche Puppen-Parallelwelt entwickelt, voller Tabus und interner Verstrickung?
Wer Einspruch z.B. gegen das ewig hochgespielte Objekt-Theater und permanentes Schauspiel im Puppentheater wagte, erlebte Intrigen und Mobbing. Und bleibt Feind, auch jetzt, wo das Pendel wieder zum Puppenspiel zurückschlägt. Eine vielerorts inkompetente Kulturpolitik (Blindheit? Genre-Rassismus der abgestandensten Art „Sind ja nur Puppen“?) unterstützt bewußt oder unbewußt. Nicht nur in Berlin. Und auch nicht nur in Erfurt.

Problemverdrängung statt Verständigung stellen viele Stücke aus 2000 Jahren Welt-Dramatik als Hauptursache persönlicher Krisen wie Kriegskatastrophen dar. Erstaunlich, wie wenig man auch im Theater, das ja auf der Bühne der Menschheit den Spiegel vorhält, hinter den Kulissen selber daraus lernt. Angesichts heutiger Realitäten dürfte Verständigungs-Verweigerung endgültig nicht mehr als Kavaliersdelikt gelten! Auch nicht in der Puppenwelt. Aber hier sitzen an den Knotenpunkten oft die Problemverursacher, die man gewähren und einfach aussitzen läßt. So gelingt es offensichtlich immer wieder, unliebsame Argumente verhallen zu lassen. Und gewisse Feindbilder auf Dauer auch einem größeren Kreis zu suggerieren. Der sich in seinem Verhalten latent anpaßt. Warum? Ist einfach alles recht, was dem Konkkurrenten schadet? Wie in der DDR nicht nur deklarierte Staatsfreunde stillschweigend von der Zurücksetzung Oppositioneller profitierten? Und noch früher nicht nur Anti-Semiten von der Ausschaltung der Juden und den so freiwerdenden Posten usw.?

Bis hierhin dürften mir viele folgen – wird man konkret, sieht das schon ganz anders aus. Jedenfalls erlebe ich es so – und bitte um Verzeihung, wenn ich jetzt hauptsächlich davon rede. Ich glaube keineswegs, daß es nur mir so geht – ich sehe mich nur als prägnantes Beispiel. Und als den, der mit genügend Renommée ausgestattet, sich offener äußern kann als andere.
Oder - "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!" - gewissermaßen aus der Perspektive gewisser Rufzerstörer, s.u.: 

Opfer und Täter vertauscht

Als ich mich z.B. vor einigen Jahren zu wieder einmal überhandnehmenden puppenspiel-fernen Tendenzen der Berliner Puppenspielausbildung äußerte und sich viele Kollegen anschlossen, hat das sicher dazu beigetragen, inzwischen das eigene Metier wieder mehr ins Zentrum zu rücken. Aber dafür, daß die „Ernst-Busch“-Hochschule mich dann auf Stasi-artige Weise beim Senat verleumdet hatte und ich das – als es zufällig rauskam – öffentlich machte, wurde latent ich zum Täter gestempelt. Nicht nur, weil die untätige Politik solche Formen, Andersdenkende fertigzumachen, faktisch sanktionierte.
Während Professor Lorenz, der da so unter der Gürtellinie agierte, letztlich unangefochten blieb, und sein Nachfolger Menzel jede – zunächst angekündigte – Klärung verhinderte, versucht man mich in der Puppenwelt auf dem Niveau zänkischer Kleingärtner immer offener und schamloser zu mobben.
Das ist zunächst nur mein Problem. Aber werden nicht auch Maßstäbe verschoben, wird nicht Substantielles beschädigt, wenn Funktionäre bleiben, aber unliebsame Künstler einfach ausgetauscht werden? Und wenn durch üble Stimmungsmache wichtige Aufführungen nicht gezeigt werden? Oder gar nicht erst zustandekommen, obwohl Geld da ist?

Ohne schwarz-weiß zu malen: Es fällt doch auf, daß hier latent auch das Lager der in der DDR wie heute eher Opportunisten die Strippen zieht, bei aller Differenzierung im Einzelnen. Und so schließt man – wirklich nur unbewußt? – an unselige DDR-Gängelung an.

 

DOUBLE, Schaubude & Puppenspielvermeidung

(jetzt wirds spezieller, aber auch der Außenstehende wird bei genauerem Lesen das Wichtigste verstehen)

Da wurde unlängst in DOUBLE Nr. 16 (Puppenspielbeilage zu THEATER DER ZEIT) einerseits „mutig“ das Riesen-Thema Mauerfall beschworen, gleichzeitig auf Eigensicht reduziert und so die Vergangenheit... sagen wir eingefärbt. Selbst SCHAUBUDEN.-Leiterin und gewissermaßen "Chefjournalistin" der Puppenszene Sylvia Brendenal hat sich früher ganz anders, wesentlich komplexer geäußert.

Beispiele:
1. Gerd Taubes Darstellung der SCHAUBUDE nach Mauerfall folgt latent der Senats-offiziellen Sicht eines  „Geschenks an die Berliner Puppenspieler“, was in Wahrheit bösartige Reduzierung durch eine kulturlose Kulturpolitik war - vor allem des Budgets um zwei Drittel, damit quasi festgeschrieben bis heute und ewig, somit das Genre Ensemblepuppenspiel in Frage stellend und diesbezüglich mit Sicherheit auf Dauer aufs ganze Land ausstrahlend.
2. Die Verständigung zwischen Ost- und Westszene, in sich jeweils auch heterogen, war in der Schaubude sicher schwierig, fand aber zunächst durchaus statt – und wurde weniger von den Puppenspielern als der neuen Leiterin abgebrochen, anders als Taube es darstellt.
3. Brendenal würdigt das politisch-kritische Puppenspiel am damals führenden aber unangepaßten (Stasiakte: „Dieses Theater ist zu zerschlagen“) Puppentheater Neubrandenburg vor der Wende. Aber anders als sie dabei suggeriert, orientierte es dabei eben NICHT auf plakative szenische Metaphern, die zu Schauspiel und Puppen-Vermeidung führten; derlei fand ich als künstlerischer Leiter schon damals ziemlich abgestanden. Den auch international bemerkten WUMMM erzeugte im Gegenteil, daß die ästhetische Vielfalt einen Kern hatte: Die nahezu radikale Orientierung auf subtiles Spiel der Puppen, die differenzierte Aussagen möglich machte!

Das brauchte das ständige puppenspiel-handwerkliche Training in N.! Dieser höchst wichtige Aspekt wird von den deutschen (Pseudo-?) Theoretikern gerne ausgeblendet. Für sie sind puppenspielerische Fähigkeiten einfach da und je nach Trend an- oder auszuschalten wie für manchen der Strom aus der Steckdose. Immerhin bestätigt Brendenal die immense Bedeutung gerade des Puppen-Spiels in N. – absurd, daß sie heute nur schauspielende Ex-Neubrandenburger fördert (Schauspiel hatte sich nach mir leider auch in N. durchgesetzt – DAS führte zur Schließung, nicht der von Frau B. genannte „kollektive Produktionsprozess“,  bzw. dessen angebliches Abwürgen durch die Obrigkeit.)

Daß sich Puppenspiel – auch kombiniert, wie auch ich es ja schon in den 80ern betrieb, als mancher verständnislos reagierte, der später voll aufs „requisitenangereicherte Schauspiel“ setzte, also aufs Objekttheater – jedoch nur mit seiner Spezifik emanzipieren kann, das wurde von kunst-interessierten breiten DDR-Kreisen damals durchaus verstanden. Nur ein pseudo-elitäres Kunst-Spießertum in Ost wie West sah und sieht den Wechsel zum Schauspiel als „Weg zum Höheren“ an. Wie die Pseudo-Emanzipation eines Schwarzen, der sich weiß anmalt...

Mauerfall und DDR-Gängelei - in der neuen BRD

Nach Mauerfall setzten Brendenal und Co. auf „Westkunst“, genauer einen hier partiell seit ca. 1978 angesagten Trend, das Objekttheater, um sich im nunmehr Gesamt-Westen gegen das zu profilieren, was die Besonderheit neueren ostdeutschen Puppenspiels wesentlich ausmachte. Mystik ersetzt Argumente („... den Objekten ihre Würde zurückgeben!“ – geht’s noch verquaster?) Das setzten sie dann mit eher Ost-tradierten autoritär-dirigistischen Mitteln durch, ungenehmes wird rigoros verschwiegen. Oder ist das „westliche Meinungsfreiheit“?
Und auch puppenspielorientierte Festivals ziehen mit. So daß auf die Dauer z.B. meinen - ja wirklich nur gelegentlichen - Kritikäußerungen als Gegenstück die relativierende Präsenz meiner praktischen Arbeit fehlt. Diese Taktik scheint einfach Kaltstellen eines ewig unliebsamen Konkurrenten zu sein – wie von Puppentheater Erfurt (was die Folgen seiner Staats- und SED-treuen Vergangenheit und entsprechende Seilschafts-Belastungen wohl nie los wird). Teils zeigt es, wie sympathische Unbefangenheit in spießige Dummheit umschlägt – wie vom Festival Hohenstein. Vom Nichtverstehenwollen wie Erlangen zu schweigen: Die typische Westhaltung, die allzuoft gerade das Reaktionärste des Ostens fördert.

Statt offenen Wettbewerbs jedenfalls geht die Gängelei in fast ungebrochener Linie seit DDR-Zeiten weiter. Ja, ich stelle fest: Selbst im DDR-Puppenspiel fand manchmal mehr freie Kommunikation, vor allem offener Vergleich statt; Waschinsky, sogar die damals radikale Gruppe Zinnober konnten immerhin zeitweise auf DDR-Puppenfestivals spielen. (In den 80ern wurde das wieder abgeblockt, von z.T. heute noch tätigen Kräften, wie Prof. Lorenz, unter schamloser Instrumetalisierung z.B. des Erfurter Festivals).

Puppenrevolution = politische Revolution?


Angesichts des Mauerfall-Jubiläums wäre es naheliegend, zu fragen: War die legendäre, und trotz aller Verdrängung heute noch wie der Urknall spürbare DDR-Puppenspielrevolution ab ca. 1978 in diesem Metier ein erster Vorbote des großen politischen Umbruchs?
Sie nahm ihren Ausgang in Neubrandenburg, nicht im politisch angepaßten Puppentheater Erfurt, beeinflußte entscheidend die Basis-Methodik der „Ernst-Busch“-Puppenspielschule und bis heute ihr Renommée – auch wenn man das dort längst verdrängt hat – und war schon mal deshalb politisch, weil in nie dagewesener Weise gegen die aufgepfropfte Ästhetik „sozialistischer Bruderländer“ verstoßend. Auf diesen Aufbruch rückzubesinnen - und heutige Auswirkungen zu zeigen - wären ein angemessenes Festivalprogramm zum Mauerfall.  Wäre!
Aber das würde vielleicht im permanenten Prozeß der Umdeutung von Vergangenheit wieder das zeigen, was man lieber ausblendet, nämlich deutliche politische Färbungen: Sicher war keiner der heute meinungsmachenden Postenbesitzer Erich Mielke, trotz  Beteiligung an Repressalien, wie S. Brendenal, aber doch deutlich angepaßt. Und ich kämpfte nicht im Widerstand, machte aber immer mal den Mund auf und vor Mauerfall bei politischen Aktionen mit, nicht nur mit dem berühmten „Tschüß“ - Plakat mit den SED-Händen zur Demo am 4.11. 89. Aber eine damals wie heute kritische Einstellung ist wohl ungebrochen suspekt. Mehr als eine fette Stasi-Vergangenheit. Jedenfalls in der deutschen Puppenszene...

Alles kalter Kaffee? Vielleicht. Auf jeden Fall scheint sich die „Was Puppenspiel und wichtig ist, bestimmen wir!“-Tendenz einiger Pfründeninhaber fortzusetzen. Jüngstes, zunächst ganz unpolitisches Beispiel: Mit Mendelssohn-Bartholdys nachgelassener „SOLDATENLIEBSCHAFT“ wurde seit Ewigkeiten erstmals das Werk eines derart hochkarätigen Autoren mit Puppen (und Sängern) nicht nur gespielt, sondern uraufgeführt (2008). Vom Publikum bejubelt und selbst von „höherer“ Presse wie dem FAZ-Feuilleton nicht nur in Superlativen gelobt, sondern als so nur mit Puppen möglich apostrophiert.
(s. hier unter "Seid umschlungen. Sparten und Nationen" - demnächst übrigens auf ARTE zu sehen).

Dieses Ereignis, was ja Puppenspiel wieder einmal weit über den üblichen Kreis hinaus wahrnehmbar macht, wird von der elitären Puppenspiel (-Vermeidungs)-Zeitung DOUBLE verschwiegen, wie so vieles. Regisseur Waschinsky und Puppentheater (und Philharmonie) Gera sind nicht angesagt – sonst wäre wohl das halbe Heft voll gewesen.
Jedenfalls: Für eine seriöse Publikation bleibt der Vorgang, zumal er schon in einer gewissen Tradition steht, anrüchig.

Von DOUBLE rezensiert, wenn auch kritisch, und gepuscht von der DOUBLE-nahen Schaubude wurde dagegen die fast puppenspielfreie „Möwe“ (einmal kriecht darin kurz eine Raupe, das wars) einer international gut vernetzten polnischen Gruppe. Muß man ins Puppentheater Schaubude gehn, um zu erfahren, daß man Tschechows Schauspiel auch schauspielen kann? Während im gleichen Haus tatsächliches Puppenspiel gern verhindert wird.
Wie mein „Besuch der Alten Dame“ 2008, eines der wenigen senatsgeförderten Puppen-Ensemble-Projekte (in dessen Gegenwarts-Rahmenhandlung ich dann reagierte und zwei nachweisliche Klimavergifter, die Puppen-Professoren Lorenz und Menzel, brachial-satirisch abschoß). Ensemblepuppenspiel gibts an der SCHAUBUDE fast nur noch in Seilschafts-Projekten mit der Puppenabteilung der Hochschule. Letztlich werden hier Studenten unwissentlich gegen anderes instrumentalisiert.

DDR-Verhinderung lief nahezu grundsätzlich indirekt ab. Da immerhin hat sich was geändert: Auf meine höflichen Anfragen zu 2 Abenden in der Schaubude – angeblich das Theater für die Berliner Puppenszene, weshalb ich mich dort lange engagiert habe – reagierte Brendenal erst gar nicht und schrieb auf Nachfrage unverblümt: „...weil ich beschlossen habe, mit dir nicht mehr zu kommunizieren“!
Nun, 2 Epochen früher hieß das noch: „Wir wärrden Gegner rrrrücksichtslos...!“

Postenbesitzer blocken mit z.T. übelstem Verhalten Vergangenheits-Reflektion und damit auch Verständigung ab, geduldet von einer unfähigen Kultur- und Bildungspolitik. Seit Jahren wird jedes Gespräch verhindert. Sie setzen Ost-autoritär die ihnen genehme Kunst durch – allzuhäufig eine, in der Puppenspiel in einer beliebigen Moderne verschwindet, wie jüngst im aufwendigen „endstation echtzeit“ (FITZ u.a.). Daß sie das tun dürfen, ist dann wieder westliche Kunst-Freiheit.  Also die Freiheit derer mit Posten, Macht, Geld.

Ost und West kommen nicht zusammen? Doch! Leider allzuoft nur auf allerunterstem Niveau.
Peter Waschinsky, 2009