Puppen und NS-Zeit - ein Festival
Das Figurentheater Grashüpfer in Berlin-Treptow veranstaltete Ende Mai 2013 anläßlich des Themenjahrs "Zerstörte Vielfalt" ein kleines, nur geringfügig gefördertes Festival, organisiert von Christiane Klatt. Sie selber spielte, gewissermaßen als Beispiel für das, was durch die Nazis zerstört wurde, noch einmal ihren Ringelnatz-Abend "Von Dingen, die du eben noch nicht wusstest".
"Engel mit nur einem Flügel", gespielt von Ralf Kiekhöfer, Töfte-Theater, konnte ich leider nicht sehen - man äußerte sich allgemein begeistert.
"1944 - Es war einmal ein Drache", Tandera-Theater, (Regie: Regina Wagner, Spiel: Dörte Kiehn, Gabriele Parnow-Kloth, Heike Klockmeier)
Zwei Frauen, die in einer Werkstatt für den Weihnachtsmarkt töpfern, kommen im Gespräch auf eine Geschichte, in der es um die Kinder im Konzentrationslager Ravensbrück geht. Die eine Frau kommt immer wieder auf die Geschichte zurück, die andere drängt auf ihre Arbeit für den Weihnachtsmarkt. Aber die Geschichte greift Raum, aus Ton kneten sie kleine Köpfe, stecken sie auf den Finger und spielen zunächst kurze Episoden aus dem Lageralltag der Kinder, bis sie selbst zu Häftlings-Frauen werden... Das Regal wird zum Handlungsort der Kinder, von ganz einfachen Stockpuppen dargestellt. Die Frauen wollen für die Kinder ein Weihnachtsfest ausrichten, sie sammeln Stoffreste, Papier und Lebensmittel, basteln kleine Geschenke und backen sogar eine Torte. Höhepunkt ist das Kasperletheater mit selbstgenähten Puppen.
Das alles wird eher leicht behandelt, hat daher keinerlei Agitations-Anflug und läßt dennoch das Grauen der Wirklichkeit immer wieder durchscheinen. Bewegend und sympathisch.
"Hannes und Paul", Seifenblasen-Figurentheater (Idee und Spiel: Elke Schmidt, Regie: Neville Tranter und Christian Schweiger)
Eine großartige Aufführung für Jugendliche, in der es um die Liebe zweier halbwüchsiger Jungen geht. Deren Verhältnis erscheint zwar sehr vereinfacht - Coming-Out-Probleme bleiben weitgehend draußen - dafür wird ausführlich die Vorgeschichte, Hannes' Kindheit und das Verhältnis zur Familie, der stillen Mutter und dem groben Nazi-Vater geschildert, vor allem, wie aus der Kinderfreundschaft zu Paul mehr wird. Die Geschichte spiegelt sich in Ovids "Pyramus und Thisbe", das die Jungs im Lateinunterricht spielen und das ihnen hilft, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Wie bei Ovid endet es tragisch, als die Jungs entdeckt werden.
Elke Schmidt erweist sich als feinfühlige aber klar konturierende Spielerin, die die Figuren hervorragend voneinander absetzt, vor allem, wenn sie mit großer Klappmaulpuppe (etwas zu "puppenhaft" gestaltet im Gegensatz zu den Jungen) auf dem Arm und selber als Mutter agiert - man nahm gar nicht wahr, daß sie auch den Vater sprach.
Völlig selbstverständlich, wie die Jungen-Puppen, mal Tisch-, mal Handpuppen, neben Vater und Mutter puppengroß blieben. Beeindruckende Momente, wenn Hannes als Tischpuppe, von der Spielerin losgelassen, im Hitlergruß erstarrt stehenbleibt - er ist unter väterlichem Einfluß zunächst begeisterter Pimpf - , und wenn der sonst so stramme Vater, nunmehr Soldat, angesichts der sich abzeichnenden Niederlage, resignierend an die Brust seiner Frau sinkt. Ein schöner Einfall - ohne originell aufzutrumpfen - wenn die Mutter die Jungs beim Sex überrascht: Sie zieht eine Tischschublade auf und holt die nackten Puppen heraus.
Daß die wunderbar jugendgemäße Aufführung, wie man hört, wenig ans Zielpublikum gelangt, weil Veranstalter angesichts des schwulen Themas einen Rückzieher machen, zeigt, daß in Punkto Aufklärung und Toleranz doch noch einiges offen bleibt.
Die Vormittags-Vorstellungen des Festivals fanden wenig Publikum - offensichtlich war der Zeitpunkt Ende Mai ungünstig. Abends war das kleine Theater erfreulich gut besucht.

Puppen und NS-Zeit - Das Figurentheater Grashüpfer in Berlin-Treptow veranstaltete Ende Mai 2013 anläßlich des Themenjahrs "Zerstörte Vielfalt" ein kleines, nur geringfügig gefördertes Festival, organisiert von Christiane Klatt. Sie selber spielte, gewissermaßen als Beispiel für das, was durch die Nazis zerstört wurde, noch einmal ihren Ringelnatz-Abend "Von Dingen, die du eben noch nicht wusstest".

"Engel mit nur einem Flügel", gespielt von Ralf Kiekhöfer, Töfte-Theater, konnte ich leider nicht sehen - man äußerte sich allgemein begeistert.

"1944 - Es war einmal ein Drache", Tandera-Theater, (Regie: Regina Wagner, Spiel: Dörte Kiehn, Gabriele Parnow-Kloth, Heike Klockmeier)

Zwei Frauen, die in einer Werkstatt für den Weihnachtsmarkt töpfern, kommen im Gespräch auf eine Geschichte, in der es um die Kinder im Konzentrationslager Ravensbrück geht. Die eine Frau kommt immer wieder auf die Geschichte zurück, die andere drängt auf ihre Arbeit für den Weihnachtsmarkt. Aber die Geschichte greift Raum, aus Ton kneten sie kleine Köpfe, stecken sie auf den Finger und spielen zunächst kurze Episoden aus dem Lageralltag der Kinder, bis sie selbst zu Häftlings-Frauen werden... Das Regal wird zum Handlungsort der Kinder, von ganz einfachen Stockpuppen dargestellt. Die Frauen wollen für die Kinder ein Weihnachtsfest ausrichten, sie sammeln Stoffreste, Papier und Lebensmittel, basteln kleine Geschenke und backen sogar eine Torte. Höhepunkt ist das Kasperletheater mit selbstgenähten Puppen.

Das alles wird eher leicht behandelt, hat daher keinerlei Agitations-Anflug und läßt dennoch das Grauen der Wirklichkeit immer wieder durchscheinen. Bewegend und sympathisch.

"Hannes und Paul", Seifenblasen-Figurentheater (Idee und Spiel: Elke Schmidt, Regie: Neville Tranter und Christian Schweiger)

Eine großartige Aufführung für Jugendliche, in der es um die Liebe zweier halbwüchsiger Jungen geht. Deren Verhältnis erscheint zwar sehr vereinfacht - Coming-Out-Probleme bleiben weitgehend draußen - dafür wird ausführlich die Vorgeschichte, Hannes' Kindheit und das Verhältnis zur Familie, der stillen Mutter und dem groben Nazi-Vater geschildert, vor allem, wie aus der Kinderfreundschaft zu Paul mehr wird. Die Geschichte spiegelt sich in Ovids "Pyramus und Thisbe", das die Jungs im Lateinunterricht spielen und das ihnen hilft, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Wie bei Ovid endet es tragisch, als die Jungs entdeckt werden.

Elke Schmidt erweist sich als feinfühlige aber klar konturierende Spielerin, die die Figuren hervorragend voneinander absetzt, vor allem, wenn sie mit großer Klappmaulpuppe (etwas zu "puppenhaft" gestaltet im Gegensatz zu den Jungen) auf dem Arm und selber als Mutter agiert - man nahm gar nicht wahr, daß sie auch den Vater sprach.

Völlig selbstverständlich, wie die Jungen-Puppen, mal Tisch-, mal Handpuppen, neben Vater und Mutter puppengroß blieben. Beeindruckende Momente, wenn Hannes als Tischpuppe, von der Spielerin losgelassen, im Hitlergruß erstarrt stehenbleibt - er ist unter väterlichem Einfluß zunächst begeisterter Pimpf - , und wenn der sonst so stramme Vater, nunmehr Soldat, angesichts der sich abzeichnenden Niederlage, resignierend an die Brust seiner Frau sinkt. Ein schöner Einfall - ohne originell aufzutrumpfen - wenn die Mutter die Jungs beim Sex überrascht: Sie zieht eine Tischschublade auf und holt die nackten Puppen heraus.

Daß die wunderbar jugendgemäße Aufführung, wie man hört, wenig ans Zielpublikum gelangt, weil Veranstalter angesichts des schwulen Themas einen Rückzieher machen, zeigt, daß in Punkto Aufklärung und Toleranz doch noch einiges offen bleibt.

Die Vormittags-Vorstellungen des Festivals fanden wenig Publikum - offensichtlich war der Zeitpunkt Ende Mai ungünstig. Abends war das kleine Theater erfreulich gut besucht - auch von Kollegen.