Blumen und Tomaten

Blumen und Tomaten

PUPPEN-OKTOBER: Suse Wächters Solo, Christoph Schroths Tod, der Unesco-Kasper, René Mariks Film, Hans Jochen Menzels Professorenabschied

 

 HÜBSCHE NEGERTÄNZE - Suse Wächters Solo mit Komparse "Brechts Gespenster" am Berliner Ensemble

 

(KEINE Rezension, Presse s.u.)

 

Sept. 2022    Vor wenigen Jahren gabs auf der kleinen Bühne des Berliner Ensembles das Gastspiel einer Puppenspielinszenierung nach einem berühmten Film. Das Puppenspiel war effekt- aber kaum kunstvoll, das Normalpublikum hatte durchgehalten, auch wenn der Grund dieses Remakes eines grandiosen Films unklar blieb, und klatschte brav ("Mal was anderes" sagte eine  ältere Dame), als sich plötzlich aus den letzten Reihen ein Sturm erhob. Der absoluten Begeisterung.

Offensichtlich waren es Puppenspielstudenten, die es wieder einmal supergeil fanden, daß die im eigenen Metier eher bescheidenen Puppenspieler vor allem schauspielten. Gähn. Daß ich und wenige andere das immer wieder schreiben, ist natürlich auch gähn. Alles über Klima und Umwelt aber ebenfalls, weil immer das Gleiche. Ändert das etwas an der Brisanz der Problematik?

Nun wird in eben diesem BE (Berliner Ensemble) "Brechts Gespenster" gegeben, von einem langjähigen Puppenspielprofessor, der sein Mitwirken am oft mässigen Puppenspiel seiner Studenten seit Jahren immer wieder bestens verbergen... so fing ich an, zu schreiben, aber: 3 Zeitungen sprechen fast ausschließlich von einem Suse-Wächter-Abend. Professor Menzel scheint nur noch Komparse, wie einst Prof. Unrat am Ende vom "Blauen Engel". Kein Wunder neben der ebenso grandiosen wie brachial Puppenspiel-Partner wegdrängenden Suse W.. 

Laut SÜDDEUTSCHER ZEITUNG erteilt "... Maggie Thatcher mit Totenkopf und mottenzerfressenem Leichenhemd frei nach Goethes Zauberlehrling ihre kleine Lektion in Neoliberalismus: "Massen, Massen, sei's gewesen, es gibt nur noch Einzelwesen!" " Die Reduzierung des Puppenspielers zum Einzelwesen ist ja wieder die oberste Devise im West-Puppenspiel, im Osten zumindest Berlins gern übernommen, und so verfliegt mein kurzer Neid über den kabarettigen BE-Brecht-Abend ziemlich schnell.

Vor allem erscheint der eine Wiederverwertung von Wächters grandiosen "Helden des 20. Jahrhunderts" wofür sie vor Jahren unendlich viele Portraitpuppen hergestellt hatte, die dann miteinander agierten in zumeist unhistorisch-skurrilen Konstellationen - mit Puppen behielt das letztlich eine Leichtigkeit, die geschminkten Schauspielern immer fehlt. Personell aufwändig mit 3 Puppenspielerinnen und Band war das zwar nur gemessen am Puppentheaterüblichen - aber das Projekt kam nirgendwo richtig unter. Auf der (großen!) Volksbühnen-Hinterbühne gab es ein paar Vorstellungen - als es sich rumsprach, wars schon vorbei. Ja, der Genrerassismus im deutschen Theatersystem trifft auch einen Puppenspielstar.

Wird die einerseits mit Recht superlativgeschmückte Suse W. vielleicht andererseits weiterhin nur als Teil größerer (männergeleiteter) Projekte ernstgenommen, aber nicht mit eigenen Initiativen?
Und so hat im Brecht-Abend ihre Dominanz vielleicht bei der Arbeit mal nicht ihre sonst mitwirkenden Kolleginnen weggedrückt, sondern Professor Hans Jochen Menzel, den ich als Konflikten eher ausweichend kenne. Allerdings auch als nicht weniger dominant - auf andere Art. 

Also: Mein Neid flammte in meiner Komödiantenseele durchaus auf - aber nur kurz angesichts dieser quasi Einzelspielerei, auf die heute Puppenspiel wieder reduziert wird, denn DIE Brecht-Inszenierung mit Puppen, aber vor allem einem 6köpfigen Ensemble (!) statt Solo ist dann wohl immer noch meine von 1980 in Neubrandenburg, immer wieder genannt, u.a. international als DAS Beispiel für die Puppenspiel-Ausbildung an der HS Ernst Busch. Und diese und jene kleinere Brechtelei von mir gabs dann auch noch, soweit Erben es zuließen, wie den DEFA-Kurzfilm "Rechtsfindung", mit Portrait-Marionetten der Weinholds und immerhin BE-Star Hermann Beyer.

Das eigentlich Makabre ist doch, daß man ans Berliner Ensemble muß, um mit Puppenspiel ernst genommen zu werden, weil am Zentralen Puppentheater Berlins ein meritenfreier Scharlatan von Lederers Gnaden machen darf, was sich Lieschen Müller unter Avantgarde vorstellt, bzw. eben NICHT macht, also selbst produziert, sondern jedes Wochenende neu einkauft, so daß niemand mehr einen Überblick hat. Maßstab ade. Im Grunde auch beim BE-Abend, um den herum es eben nichts vergleichbares gibt. Irgendwie reproduziert auch Suse W. den latenten Selbsthaß im Puppenspiel: "Puppenspiel ist an sich Scheiße, aber ich, Supermann/frau, mache was draus!"

Wenn BE-Intendant allen Ernstes nach 50 Jahren Puppenspiel-Hochschulausbildung die Brecht-Gespenster so ankündigt:  " Theater mit Puppen kann sehr große Kunst sein", dann weht das geistige Klima der Völkerschauen vor über 100 Jahren herein: "Die an sich primitiven Hottentotten können sehr schön tanzen!"  
Puppenspiel wird von den Mächtigen der hierarchischen Kulturszene von Zeit zu Zeit als etwas Besonderes entdeckt - und wieder vergessen. Weil ihm Normalität - das hieße Kontinuität unter angemessenen Bedingungen - nicht zugestanden wird. Denn der eine Euro, den es vergleichsweise bräuchte, könnte ja den 100 Euro für die Oper fehlen. 

(Womit ich übrigens mit Steinen im Glashaus geschmissen habe: Meine letzte Inszenierung vor der Rente war die Uraufführung einer nachgelassenen Mendelssohn-Oper mit 5 Sängern und 4 Puppenspielern als Ensemble, auch auf ARTE gesendet: Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Attraktiv gelungen... Regisseur ist der legendäre ostdeutsche Puppenspieler Peter Waschinsky.... zartfühlender Anwalt von Mendelssohns Figuren...")

 

Rezensionen zu "Brechts Gespenster" in der Presse

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/theater/suse-waechter-weckt-bertolt-brechts-gespenster-am-berliner-ensemble-li.269603

https://www.sueddeutsche.de/kultur/brecht-berliner-ensemble-1.5662126

https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2022/09/theater-berliner-ensemble-brecht-gespenster-puppen-waechter-menzel.html

 

 

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2. Christoph Schroths Tod

Der Schauspiel-Regisseur Christoph Schroth ist tot. 
https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schroth

 

1. Okt. 2022

Er war mit Sicherheit einer der führenden ostdeutschen Schauspielregisseure.
Er ist der Regisseur, unter dem ich am häufigsten gespielt habe. (Das für mich vielleicht Erschreckendste daran: Mit nur 3 Stücken).
Nur das erste davon steht auf der Wikipedia-Liste seiner Inszenierungen:
"Die neuen Leiden des jungen W." bekam 1972 gleich zwei Erstaufführungen - wahrsch. wegen der Brisanz des späteren Kultstückes über DDR-Jugend-Opposition - und die kleinere im 3. Stock-Theater der Volksbühne sollte ich mit Puppenspiel bereichern. Ich baute eine Marionette als Geliebte des Helden. Schroth konnte dann aber wohl doch nichts damit anfangen, es flog wieder raus. 
"Die Tage der Commune / Brechtspektakel" 1976 am Staatstheater Schwerin: Die Regierungsebene des Brechtstückes wollte Schroth mit Marionetten darstellen, Schroth erinnerte sich wohl noch an mich und holte mich; ich nahm Werner Hennrich mit. Das eher schlichte Konzept ging ganz gut auf, besonders als ein Schauspieler als Communarde beim Bankpräsidenten - Marionette - vergeblich um Hilfe bittet, den er doch einfach wegfegen könnte, um das Geld zu nehmen. Ich glaube, Schroth bemängelte meine Sprache. Sicher mit Recht.
"Der Staub von Brandenburg" 1996 Uraufführung von Volker Braun (Büchner-Preis) am Staatstheater Cottbus. Ich erinnere mich, wie er die genau probierten Szenen später nur noch auf Tempo spielen ließ, was allen die Nuancen fast wegnahm. Mehrere Rollen spielten Puppen, man holte mich als das "Beste, was dafür zu haben ist", so die Formulierung (in der deutschen Puppenspielszene war ich komplett out), ich schlug vor allem große Tuchmarionetten vor.  Schroth hatte ein multimediales Spektakel mit Puppen und Tanz vor, war aber doch wohl eher Schauspielregisseur, den die anderen Mittel letztlich störten. Beim Theatrum Mundi des Stefan Blankenburg in einer anderen Szene, den ich empfohlen hatte, verließ ihn bald die Geduld. "Drei gute Schauspieler und der Puppenspieler Peter Waschinsky spielen genau und geben Volker Brauns Sätzen Distanz..." Junge Welt "Puppenspiel - immerhin mit Peter Waschinsky" Freie Presse "Sigrun Fischer im Clinch mit Waschinskys Puppen... Cottbus' Feinstes..." taz

Da hatte mir Christoph Schroth doch noch einen Erfolg beschert - im Stück eines wichtigen Gegenwartsautors, der danach den Büchnerpreis bekam, fürs Lebenswerk.

 

 

 

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3. Der Unesco-Kasper

 

 

Sind die wilden Schläge des Italo-Kaspers Pulcinella - wie die seiner Pariser und Londoner Brüder - metaphorisch zu verstehen? Oder so naturalistisch-brutal wie im Blockbuster-Kino? Dort sind sie allerdings nie annähernd so komisch, daß auch 3jährige ihren Spaß haben. 

Zu solchen Fragen sprachen so kurz wie tiefgehend einige Theoretiker und spielten theorieunbekümmert e​​ine ganze Riege von europäischen Puppenspielern, beide im besten Eivernehmen - was ich auch ganz anders kenne. Manche Theorie vehält sich gern so resistent zur Spielpraxis wie mancher Puppenspieler zu jeglicher Reflexion über sein Metier. Das war anders beim "Kaspergipfel". 
Da durfte sogar ich in ein paar Szenen aus "Kasparett" (1979) einen politisch vereinnahmten Kasper aus der Historie zeigen, ohne daß ein Kasperfreund beleidigt war.

Der Kaspergipfel-Anlaß: Der Kasper war 2021 von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt worden. Obwohl er und seine Pritsche doch ziemlich materiell sind. Nun, es ging um das SPIELPRINZIP. Durchgekämpft hatten das Initiatoren wie Ralf Uscher vom Puppentheatermuseum Bad Liebenwerda, unterstützt vom Kulturministerium Brandenburg. Dessen Vertreterin blieb alle vier Tage, um sich über das Metier zu informieren. Unfaßbar! Wann war ein Berliner Senatsvertreter im Puppentheater?

Die  innovationsfetischistische SCHAUBUDE im nahen Berlin ignorierte, von Kooperation keine Spur, keiner der fremdländischen Puppenspieler spielte anschließend in Berlins Zentralem Puppentheater und Vertreter desselben wie auch der Puppenspielabteilung der Ernst-Busch-Hochschule glänzten mit Abwesenheit. Weiter wird wie seit Jahren der Öffentlichkeit suggeriert, das traditionell verwurzelte Puppenspiel müsse gegen Performance, Objektspiel usw. ausgetauscht werden. Leider begreifts das doofe Berliner Publikum nicht so richtig.

Noch weniger allerdings das in der tiefsten brandenburgischen Provinz, es kam nicht zur "ambuig-performativen Figural-Presentation" (die gabs allerdings auch gar nicht), sondern einfach zum Kaspertheater. Der Kröbelner Dorfgasthofsaal erinnerte nicht nur mich an die Orte früheren Puppentheaters. Aber die Nostalgie wurde durch eine Reihe von sage und schreibe sieben Handpuppenbühnen nebeneinander surreal verfremdet, das hat es wohl noch nie gegeben. Und als dort nacheinander tatsächlich sieben Kasperstücke tradierter Art abliefen, war der Saal nicht nur voll, sondern blieb es auch - selbst kleine Kinder hielten begeistert durch. Übrigens ohne von Pulcinella & Co zu eigenen Prügeleien inspiriert zu werden - wirkt also das heftige Bühnengeschehen doch eher als Aggressions-Ab- statt An-leitung? Kasper und sein Tun hatten wohl trotz aller Realitätselemente schon immer einen Abstraktionsgrad, den instinktiv jeder begreift.

Hat die Eliminierung dieser archaischen Theaterform mit ihren stilisierten Gewaltorgien in Deutschland - anders als in den meisten, zumindest westeuerpäischen Ländern - tiefere Gründe? Und vor allem: kulturelle und soziale Folgen, weit über das Puppenspiel hinaus? Fehlen uns diese so antiquierten wie ungeheuer lebendigen Puppetshows, die trotz Sprachbarrieren auch bei südbrandenburgischen Kindern funktionieren? Der international auftretende Bruno Leone spielt immer wieder auch in den Straßen des heimatlichen Neapels und bezieht daraus Inspiration und Kraft.
  
Über den deutschen "Reformkasper", etwa ab den 1920er Jahren, zu reflektieren, ist immer schwierig, weil das Pro und Contra schnell unsachliche Wellen schlägt. Angenehm am Kaspergipfel: Das friedliche Nebeneinander beider Grundrichtungen.
Der höchst verdienstvolle Kasperspieler Frieder Simon ließ sich von einer Kleinigkeit wie seinem Ableben 2020 nicht vom Auftritt abhalten - in Form von Sohn Jacob, was man kaum an Stimme oder Gesicht, sondern nur am Pferdeschwanz erkannte. Papa Frieder, der quasi "Reform-Kasper" der zunächst kasper- wie traditionsfeindlichen DDR, hatte einst zusammengefügt, was in den 20ern wohl noch Gegensätze gewesen waren: Annähernd Hohnsteiner Spielweise - aber Puppen im Bauhaus- statt denen im "Heimatstil".von Theo Eggingk.
Jacob S., mit Schwester Sophia auch Initiator des Ganzen einschließlich Titel "Kaspergipfel", zeigte geradezu exemplarisch, daß man Tradition fortführen und andererseits weiter- ja auch zurück-gehen kann: Nämlich zum wilderen Temperament des vorreformerischen Anarchokaspers in einem eigenen Stück. Eingeleitet durch den berühmten Tanz zweier "N.-Wort-"Puppen. Huch!


Es folgte die unglaublich agile Cornelia Fritzsche, die die Kinder wunderbar einbezog und wo auch das  Plüsch(!)krokodil irgendwie dazu gehörte.

Und dann kamen die so traditionell-großartigen wie wirkungsvollen Punch, Pulcinella und Policinell von Bruno Leone (Neapel), Paolo Comentale (Bari, Italien), Philippe Casidanus (Paris), Gary Wilson (Dorchester, England), in deren Spiel sich die Muster untereinander ganz normal wiederholen in "kultureller Aneignung". Also dem, was derzeit als zutiefst unanständig gilt.

 

Ich hatte ein wenig die Weiterführung des Kaspers ins Gegenwärtige erwartet - es gab dafür zuletzt einige Beispiele (Hans Jochen Menzel, Linda Fülle, Christiane Klatt u.a.). Aber so wurde vielleicht der traditionelle wie der "Reformkasper" etwas breiter behandelt. Was ich mehr bedauere: Die ausschließliche Präsenz von Einzelspielern könnte für den weiteren Abbau von Ensemblepuppenspiel instrumentalisiert werden. Nicht nur in Berlin.

Der Abschluß des Kaspergipfels bescherte uns eine "Hohnsteiner"- Kasperaufführung mit Peter-Michael Krohn, die geradezu historisch korrekt war, von den Handpuppen bis hin zu einer dem Original nachgebauten Bühne. Alles war enorm ordentlich - damals vielleicht, um sich von der Jahrmarktskasperbude abzusetzen -  vor allem aber in der Puppenführung und der Sprache. Aber bei aller Präzision blieb das Ganze höchst  l e b e n d i g. Die Korrektheit lähmte, wie von Kreativ-Apologeten gern unterstellt, NICHT die Kunst! Es war sowohl allerbestes Hohnsteiner-Museum, wie vollgültige Familienunterhhaltung, mit wenigen Erwachsenen-Gags und vielen Reaktionen von den Kindern. Exzellent! Peter-Michael Krohn - den Namen bitte merken!

 

 Artikel zu H.J. Menzel demnächst

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Autschn - Renè Mariks Film von 2013

 

 

 

Vor 9 Jahren, also 2013, kam Rene Mariks Film "Geld her oder Autschn" heraus - und war so schnell wieder weg, daß ich ihn nicht sehen konnte, auch kleinere Kinos spielten ihn schon nach ein paar Tagen nicht mehr. Der Flop ist legendär - ich will meinen eigenen Eindruck und meine Überlegungen dagegensetzen 
Ich habe den Film jetzt gesehen. Warum er derart abgelehnt wurde, kann ich dabei auch nicht entschlüsseln. 

Ich finde ihn erst einmal sehr professionell gemacht. Das ist beachtlich, auch weil Co-Regisseur Johan Robin kein "studierter" Filmemacher ist. Es wird Genre-angemessen gut gespielt, von den Schauspielern in Chargenrollen wie von den (durchweg Hand-) Puppen. Von denen gibt es zwei Gruppen; Das sind zunächst die Figuren um den Maulwurf - daß er nur eine Nebenrolle hat, wurde von den Fans teils mit wüsten Haßtiraden bedacht - außerdem der nur wenig veränderte, also geklaute Muppets-Kermit als Falkenhorst, wo man sich wundert, daß es keine endlosen Rechtsstreitereien gab, sowie der Eisbär, eine Billigpuppe aus dem Laden, wie sie auch bei mir noch rumliegt. Aber genau dieses läppische Personal hatte ja in web und TV unvorstellbar viele Millionen Zuschauer. Junge Leute zahlten richtig Geld, um in Riesensälen diese Winzlinge auf Videoleinwänden zu sehen.

Die andere Handpuppen-Gruppe sind die laut Handlung sterbende Theater-Konkurrenz um den traditionellen Kasper. Daß hier keine wirklich traditionellen Puppen nachempfunden sind, sondern sie wie Hohnsteiner aus den 1920ern aussehen, die heute ein eher spießiges Image haben, fand ich klug. Aber für 2013er Jugendliche sicher nichtssagend bzw. einmal zu oft um die Ecke gedacht. Dem illusionistischen Stil des Films entsprechend spielen diese Handpuppen recht detailgenau, ich erkannte sogar die Sprechimpulse aus meinem Handpuppen-Exercise. Wie bei den Muppets und ähnlichen Sendungen agieren die Puppen meist etwa in Tischhöhe, was ja eigentlich unlogisch ist. Nur selten und dann ganz kurz sieht man eine Handpuppe auf dem Boden stehen.
Die Puppen beider Gruppen werden also von Regie und Kamera konsequent als selbständig handelnde Wesen behandelt, ihre im Puppentheater oft überstrapazierte Abhängigkeit vom gerne offen agierenden Spieler, wird ignoriert. Mit dem Reiz dieses Widerspruchs zwischen Filmillusion und der Puppen-Künstlichkeit entfällt aber auch eine Quelle für Komik, anders als z.B. in einem Maulwurf-Clip auf youtube, wo eine Puppe plötzlich auf den Spieler unter ihr eingeht - Riesenlacher.

Fehlt dem Film vielleicht auch die TV-übliche Ebene eines lachenden Publikums? Das Mittel wirkt ja durchaus zuverlässig, auch wenn man weiß, es kommt aus der Konserve.

Die Kriminal-Story um die zwei Puppentruppen im Kampf ums Publikum, wo die erfolglose den Star der anderen klaut, ist vielleicht ein bißchen schlicht, aber das ist die mancher Erfolgsfilme auch. Daß mich der eher geringe Realitäts-Bezug auf Dauer etwas langweilte, dürfte ja für die eigentliche jugendliche Zielgruppe kaum relevant sein. Wirkt vielleicht die handwerkliche Korrektheit - Licht, Szenografie, Schnitt/Montage, vielleicht auch die zu "saubere" Puppenführung - als Glätte und damit Distanz?

Hat der zunächst sorgfältig gedrehte Film vielleicht im weiteren Film-Verwertungsbetrieb zu wenig Unterstützung gefunden und konnte, von den Maulwurf-Fans sofort abgelehnt, weil eben KEINE 1:1 Fortführung des Bekannten, ein anderes Publikum nicht erreichen, das den Film als das nimmt, was er ist, eine nette Puppenkomödie? Als die beschrieb sie ein einzelner Zuschauer, der sich in der 14-Uhr-Vorstellung, eine andere gab es nicht im Kino, gut unterhalten hatte - allein. 

Schade, daß das Team um Rene Marik, an Erfahrung reicher, keine zweite Chance für einen neuen Puppenspiel-Film bekam. So wie ich mit DEFA-Puppenspielfilmen in den 80ern, wo der zweite schon ganz anders aussah als der erste. Nicht zu reden von Jim Henson, der fürs Hollywood-Kino nicht nur Muppet-Filme, sondern nach "Der dunkle Kristall" immerhin noch "Labyrinth" drehen konnte.
Rene Marik tritt nach langer Abstinenz als Sänger mit Band auf, wie so viele andere, es gibt youtube-Clips. Auch hier scheinen ihm die Maulwurf-Fans kaum zu folgen. Angeblich waren Maulwurf & Co. nur ein Partyspaß, zufällig zur richtigen Zeit ins junge Medium Internet gestellt. Von einem Puppenspielabsolventen, obsessiv auf eine Schauspielkarriere orientiert. 

 

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Das Lust-Prinzip oder Herr Kasper, Prof. h.c.

 

 

Zum Abschluß der Professoren-Laufbahn des Puppenspielers und Regisseurs Hans Jochen Menzel

Okt. 2022

Er hat zweifelsohne Charisma und ist beliebt. Er hätte vermutlich gut von Puppenspiel und Regie leben können. Aber er wurde lieber Puppenspielprofessor, der allerdings zeitweise mit den Studenten nur inszeniert hat, in sicherer Festanstellung. Er hat, eher nebenbei, eine mittlere Karriere als Puppenspieler und Regisseur gemacht.

Es hätte eine große werden können.

Ich las vor einiger Zeit zum Wechsel der Bundeskanzlerschaft nach den Merkel-Jahren, ob nüchterne Leute auf hohen Posten nicht in Wahrheit besser wären als die charismatischen - als Beispiel wurde F.C. Kennedy beschrieben, dessen dramatisches Ende nach kurzer strahlender Karriere deren problematische Seiten im öffentlichen Bewußtsein weitgehend verdrängt hätten. Nüchterne Leute mit trotzdem Begeisterung für die Kunst gibt es allerdings selten. Einer war vielleicht Rudi Penka, Gründer und Haupt-Methodiker der Ernst-Busch-Schauspiel-Hochschule. Etwas Vergleichbares scheint es fürs Schauspiel selten zu geben, fürs Puppenspiel noch seltener.

Hier ist immer auch zu bedenken, daß für die Schlüsselpositionen im Nachkriegs-ostdeutschen, nunmehr staatlich strukturierten und später akademisch ausgebildeten Metier faktisch keine langsam gewachsene Personaldecke zur Verfügung stand. Personelle Inkompetenz durch geeignetere Leute zu ersetzen, war also schon deshalb immer schwierig, weil es die oft gar nicht gab. Kann man heute etwa konstatieren, daß sich inzwischen ein massiver Filz der zu vielen nur bedingt Geeigneten gebildet hat?

Hans Jochen Menzel ist eine der ganz großen Begabungen des deutschen Puppenspiels. Gelegentliche Versuche, das zu relativieren, gehen m.E. an den Realitäten vorbei, da wird weniger Gelungenes zum grundsätzlichen Defizit stilisiert. Wie von der - allerdings nichts begründenden, sondern diktatorisch entscheidenenden - (viel zu) langjährigen Schaubuden-Chefin Silvia Brendenal, die ihn wie mich im eigentlich produktivsten Alter gänzlich oder fast kaltstellte. Das grundsätzliche Defizit liegt m.E. also vielmehr darin, wie mit Menzels Talentpotential umgegangen wurde, nicht zuletzt von ihm selbst.

Er hat m.E. innerhalb seines begrenzten Spektrums, was ja auf viele Künstler zutrifft, außerordentlich viele Farbnuancen erzeugt, zeitweise etwa gleichzeitig mit den Gruppen Handgemenge, dem Weiten Theater und dem Pantomime-Duo Finke Faltz. Er hat die ihm zugeschriebene Handpuppenform zwar nicht erfunden, wo das Spieler-Handgelenk der Hals der Puppe und die Spielerhand in ihrem Kopf ist, wodurch der Puppenkopf außerordentlich beweglich ist, aber er hat diese „Muppets ohne Klappmaul“ sehr prägnant eingesetzt. War aber auch nicht festgelegt, sondern variierte und erfand eine Menge oder ließ in Ensembleproduktionen erfinden.

Wo er das Sagen hatte, vor allem als Regisseur, wurde mehr oder weniger gehobene, manchmal ins Absurde gesteigerte Comedy draus. Warum auch nicht. Es geht nie soweit wie in Castorfs „Walküre“, wo der Regisseur das Stück nicht einmal zu bemerken schien. Aber es ist auch nicht zu übersehen: In den mittlerweile vielen Inszenierungen agierten überwiegend viele kleine H.J. Menzels.

Als er nach dem Ernst-Busch-Studium um 1980 ans Puppentheater Neubrandenburg kam, dessen Mitbegründer und Regisseur ich war, hatte er in relativ kurzer Zeit eine große Genrebreite zu spielen. Diesen vermutlich günstigen Karrierestart bald als Einengung und Behinderung der eigenen Ambitionen zu sehen, wurde üblich, sicher nicht nur damals und dort.

Er gab dem Staatsanwalt in Brechts „Furcht und Elend des III. Reiches“ - anders als in meinem Film später DEFA-Star Hermann Beyer - eine leicht komische Note, was dem nüchternen Text gut tat, traf aber auch differenziert die Situation einer Szene, in der die „Guten“ nicht wissen, ob sie einander noch trauen dürfen.

Daß es ihm nicht sonderlich lag, Comic und Action, die im fertigen Film „Lumpengesindel“ zu sehen sind, beim Dreh mühsam in kurzen präzisen Takes ohne Spielfluß erzeugen zu müssen, liegt nahe. Außer den genannten unter Waschinsky-Regie hatte er aber auch den komisch-brachialen Tschechow-Bären unter Werner Hennrich übernommen, was ihm lag. Aber Tschechow, Brecht und die zwei Grimmschen Märchenfilme, dazu eine Oper an der Berliner Staatsoper wurden ganz oder teilweise mit Marionetten gespielt - auf den alten Videos sieht man, daß er es auch konnte - entstand da eine Aversion? Oder ein „Ich kann es, das reicht“, was zu solch wiederholter Vernachlässigung dieser Technik in der Ernst-Busch-Ausbildung führte, wie derzeit wieder?

Dabei durfte er, durchaus auch in eigenen Projekten, andere Techniken spielen, in der anschließenden freischaffenden Phase sowieso.

Waren manche Unzuverlässigkeiten - wenn von zwei seiner Erzähler-Szenen in „Rumpelstilzchen“ (1984) eine sichtbar vom Regisseur gespielt werden mußte, weil er nicht zum Dreh kam - noch als jugendliches Hallodritum abzutun, schien bald eine Art unterbewußte Taktik durchzuschlagen. Anfang der 90er kam er quasi sabotierend zu keiner Probe zur Gemeinschaftsproduktion in der SCHAUBUDE, bei der sich u.a. die Ost- und Westberliner Puppenspieler annähern sollten, spielte dann grandios seine Solo-Szene in der Premiere - und erhielt mehr oder weniger allgemeine Absolution wie einst E.T.A. Hoffmanns in Gloriole verzauberter Klein-Zaches.

Ebenso, wenn er Auftritte oder Inszenierungen absagte oder einfach platzen ließ. So bin ich einmal am Leipziger Kindertheater zur Regie zu Poccis „Dornröslein“ eingesprungen, die Menzel angekocht hatte. War er ausgestiegen, weil sich Poccis Stück bei zu spätem näheren Hinsehen als weitgehend unkindgemäß erwiesen hatte, aber nicht mehr abzusetzen war?

Er ist schnell der Erste an den Fleischtöpfen, war einerseits brachial im Durchsetzen seiner Interessen, andererseits aber immer nur auf kurze Ziele ausgerichtet. Einen Auftritt, eine Inszenierung...

Als vor ca. 20 Jahren der langjährige Ernst-Busch-Puppe-Abteilungsleiter abgesetzt wurde (er hatte auf sachliche Kritik an der extrem Schauspiel-orientierten Abteilung mit extrem bösartigen Verleumdungen in „Me too“-Richtung reagiert) veranstaltete Professor Menzel eine Art Autodafé, eine Abrechnung. Und schaffte es, mit dem Nimbus des großen Oppositionellen, neuer Abteilungsleiter zu werden - nachdem er sich mit dem alten zuvor jahrelang bestens arrangiert hatte; seine Opposition war frei erfunden.

So wie er von der eigentlichen, mühsamen Basis-Lehrtätigkeit faktisch lange entbunden war. Frau Prof. Kavrakova-Lorenz machte mit Studenten immer sperrigere Inszenierungen, um ihre - nie von einer anderen Instanz geprüfte - „Puppenspiel ist Synergese“-Theorie zu beweisen, Prof. Menzel die komödiantisch-unterhaltsamen, die als Ausgleich wirkten. Und damit als Erhaltung der Abteilung - und der gut dotierten Professuren.

Daß Künstler mit großem Talent auch große Egomanen sind, ist nichts Einzigartiges. Hier müßte das Umfeld eingreifen, zumindest kontrollieren. Aber das geschieht nicht und spätestens ab Hochschulleitung aufwärts ist Puppenspiel eben immer Nebensache, wo man sich nicht kümmern will, sondern zu gerne einreden läßt, alles ist in Ordnung und wer etwas anderes sagt, ist das eigentliche Problem.

Auch ein - längst selbständiger und erfolgreicher - Menzel-Gefolgsmann wie Michael Hatzius, der in den Nuller Jahren noch die oft bedenkliche Qualität der Figurenanimation bei vielen Studenten und Absolventen beschrieb, sah dafür die Gründe kaum in der wasserverdrängerischen Dominanz von Menzels zu ausschließlich komödiantischem Ansatz. Der die eigene, offensichtlich „Talent-verursachte“ Qualität, für die er selbst kaum üben mußte, auch in der Animation oft nicht in den Mühen der Lehr-Ebenen weitergeben konnte. Keine Lust? Er entwickelt mit Studenten oder Spielern lieber nur sein Stück.

Insofern erstaunlich, wie er im Ernst-Busch-Puppe-Buch „Theater der Dinge“ - in dem es anders als der Titel suggeriert, tatsächlich eher um das Theater der Puppen als der Objekte geht - seine Methodik analytisch beschreibt. Wo er in der Praxis doch eher aus dem Bauch heraus arbeitet, was natürlich nicht per se falsch ist.  

Und so können sich einerseits Klüngel und Filz immer wieder erneuern, indem kritische Stimmen ausgesondert werden. Einerseits.

Wodurch andererseits das wirkliche Potential des großen Talentes Menzel nicht angemessen zum Zuge kommt. „Kasper unser“, sein letztes Solo, trotz Versagen der Dramaturgie (Tim Sandweg) eine hervorragende Aufführung, wo Menzel mit klassischen Handpuppen spielte und zwar sehr gut, lief ein paarmal in der Schaubude, fiel auch mal aus, warum auch immer.

Aber das große Menzel-Stück, das Raum hat, ebenso sich selbst als auch seine öffentliche Resonanz zu entwickeln, das also länger anhaltend bemerkt wird und damit auch dem Genre dient - und damit wiederum anderen Puppenspielern - das gab es kaum. Ist er für das, was dazu eben auch gehört, zu bequem?

Ich war um 1980 in Neubrandenburg einige Jahre lang Regisseur, Puppenspieler, Trainer und manch anderes gewesen, vor allem künstlerischer Leiter, der auch an allem schuld war. Als mir um 1990 vom damaligen Rektor Veth die Leitung der Abteilung angeboten wurde, habe ich abgelehnt. Statt langer Begründung nur kurz: Ich hatte keine Lust.

Ca. 15 Jahre später war der Klüngel wohl schon zu verfestigt, jedenfalls wurde, nachdem ich mich als Puppenspieldozent beworben hatte, die Stelle mit einer laut Eigendefinition „Schauspielregisseurin mit Puppenspielelementen“ besetzt; dringend nötig war ein Marionettenspezialist, aber sie paßte wohl besser ins Team der Problemverdränger.

Prof. Menzel erzählte vor einigen Jahren herum, er hätte als Dozent keine Lust mehr und wolle aufhören. Ich nahm an, sein Unterbewußtsein läßt ihn eine Absicht verkünden, nicht obwohl, sondern WEIL er sie nicht ausführen würde.

Ob er jetzt, wo er nicht selber entscheidet, daß die Professur endet, noch einmal neu ansetzt als Regisseur und Puppenspieler? Mit absichernder Exquisit-Rente? Vielleicht sogar zu mehr als nur mal einem Solo, einer Gastrolle oder -regie?

Da gerade ein Nachfolger peinlich hemmungslos gepuscht wird, vielleicht noch egomanischer, auf jeden Fall sehr arrangierbereit, durchaus hochbegabt, aber eher auf Puppenspielauflösung orientiert, d.h. ein interessanter Gastdozent, aber als feste Lehrkraft eher ungeeignet, sei gewarnt: Bitte keine Wiederholung alter Fehler.

Gegen ein Hans-Jochen-Menzel-Ensemble aus Profis statt Studenten, das puppenspielnahes Theater wieder fest in Berlin etabliert, hätte ich dagegen gar nichts - im Gegenteil ! Dem pseudo-avantgardistischen Puppenspielvermeidungstheater muß etwas entgegengesetzt werden!