Blumen und Tomaten

Blumen und Tomaten

OPERETTE & REVOLUZZION

 
KASPERN IN WIEN, SCHLAMPEN IN BERLIN 
 

Der gelernte Opernregisseur Nikolaus Habjan - Superstar heutigen Puppenspielschaffens - hat 2025 die Johann-Strauss-Operette "Wiener Blut" inszeniert. In Wien, wo sonst. (Jetzt arte-Mediathek). Deren spezielle Entstehungsgeschichte lese man bei Wikipedia nach, nur soviel: Die tatsächlichen Autoren hat der Wiener Kongreß, Hintergrund der Handlung, kaum interessiert. Auch Habjan geht auf dieses polit-reaktionäre Großereignis vor ca. 200 Jahren kaum ein, er beläßt es so unterhaltsam wie etwas enttäuschend bei den eher privaten Verwicklungen in der Wiener Klassengesellschaft, Graf trifft Stubenmädel usw..War da UFAs "Der Kongreß tanzt" von 1931, 1937 verboten, schon mal weiter?
Aber natürlich läßt Habjan zwischen den durchweg bestens spielenden wie singenden Sängern eine Puppe auftreten.
Das hat nicht ganz den Rums wie in seinem "Nathan" vor Jahren, wo die drei großartigen Schauspielerinnen des Stückes grandios auch den bösartigen Inquisitor gaben, als Klappmaulpuppe. 

Eine solche also auch in dieser Operette. Überzeugend gespielt von Max Konrad, der mit stimmig-impulsiver Figurenführung und markantem Grantel-Sprech immer die Puppe vom Spieler ablenken läßt, nie umgekehrt, was auch nach 50 Jahren der Mode des sichtbaren Puppenspielers keinesfalls selbstverständlich ist.
Umso erstaunlicher, daß der Mann "nur" Schauspieler ist, in dessen Vita Puppenspiel kaum vorkommt, schon gar nicht als Ausbildung. Er wie auch sein alternierender Kollege Angelo Konzett kommen von keiner Theater-"Superschule" wie der Ernst-Busch, haben hier und da an Stadt- wie Off-Theatern und in einigen Filmen gespielt. 
Kurz, Max Konrad ist unter der Regie eines Meisters zu sehr überzeugendem Puppenspiel fähig. Kompliment!

Das stellt wieder einmal so manches infrage. Wie vor zwei Jahren die Diplominszenierung einer Ernst-Busch-Puppe-Absolventin. Die für mich bestenfalls Eignungstest-Niveau hatte. Was schon ihr Zwischendiplom erahnen ließ. Nun, dachte ich, sie geht dann in ihr sehr fernes Land zurück, aus den Augen, aus dem Sinn. 
Tat sie aber gar nicht. Sondern wird hierzulande - als Exot und Fremdenfreundlichkeitsbeweis ? - auf mittelgroßen Puppenspielereignissen herumgereicht. 
Eine etwas spezielle Form der Diskriminierung von "Kasperletheater", wo es nicht weiter drauf ankommt?

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GENERATION Z & REVOLUZZION ?

 

"WEGLAUFEN WERDE ICH NIE" - so kündigen SCHAUBUDE (Spielort) und HS Ernst-Busch-Puppe eine Absolventengruppe mit einem "wilden Mix aus Puppen- und Schauspiel" über Felix Fechenbach an, Mitkämpfer der Münchner Revolution 1918 und später gegen die Nazis. Bravo zu einem solchen Stück an diesem Ort.
Wenn es mir auch schwerfällt, die dortige brutale Cancel-Culure, die Verhinderung von Vergleichbarem zu vergessen (3 versch. Abende über den in Auschwitz ermordeten Sinto und Puppenspieler Willy Blum, "Kasparett" über den anarchischen aber auch mal reaktionären Kasper, u.a.), was immer wieder mit instrumentalisierten Ernst-Busch-Studenten verdeckt wurde. 
"Bräuchte es seinen Mut für die Demokratie nicht heute wieder?" fragen die Ernst-Busch-Absolventen-gruppe.
Ja, kann ich da nur antworten. Aber auch: Habe ich nur was mißverstanden, wenn ich deren Vertreter als grundsätlich NICHT verständigungsbereit und eher als mutig in der anderen Richtung wahrmahm? Z.B. letztlich gegen die Gleichberechtigung von (zu) tradiertem Puppenspiel, das die Berliner Kulturpolitik "überwinden" (Senatsformulierung in der Presse) und durch Tanztheater oder Performance und Installation ersetzen will.

Mißverstanden habe ich wohl auch etwas, als Ernst-Busch-Jung-Revolutionäre einen Pro-Puppenspiel-Abend im Puppentheater-Museum Neukölln im April 2025 nicht nur höchst mutig ignorierten - wie ebenso geschlossen ihre Professoren - sondern nicht einmal die Infoflyer nehmen, geschweige denn lesen wollten. Vergiftet? Eine neue HJ - "hirngewaschene Jugend"?
Angekündigt und dann gezeigt wurde: 

Ex-Kultursenator Klaus Lederer spielt mit Peter Waschinsky Kaspertheater (demnächst auf Youtube) - für die Erhaltung dieses schließungsbedrohten Museums.
Dazu Berliner Buchpremiere "Kaspers Welten" zur UNESCO-Ernennung des Kaspers zum nationalen Kulturerbe.
Und "DR. FAUST" (Waschinskys Abschied als Regisseur): Die Herkunft des deutschen Hochkultur-Dramas Nr. 1 aus dem Volkspuppenspiel.

Nun, der Abend im Museum hat stattgefunden, allerbestens besucht und gefeiert, der Ort ist (vorerst!) gerettet. Erwarten wir also den "wilden Mix" über Felix Fechenbacher im Zentralen Puppentheater Berlins als Bekenntnis zu wirklichem Demokratieverständnis und nicht nur dessen Vorspiegelung - wenn es sich grade gut macht. Vielleicht sogar als neuen Ansatz eines problematischen Ortes. Dazu: Toi toi toi!