Blumen und Tomaten

Blumen und Tomaten

Generalanz. Juli: 1. Sommerbühne mit Bär 2. Puppenspielstudenten 3. Anti-Rassisten 4. Das GANZ neue Puppentheater 5. Frieder Simon ist tot

 

 

Sa. 29. August 17 Uhr Breestprom. 4, Friedrichshagen - Deutsches National-THEATER Fritzenhagen

So. 6. Sept. 17 Uhr Stargarder Str. 73 (neben dem ehem. HACK-B), 2. Hof, Prenzl. Berg

Reserv. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

  
Deutsches National-THEATER Fritzenhagen - nächste Vorstellungen im Spätsommer - OPEN AIR !!! 
 

Zigeunerleben oder der Bär im ZK

 

Tragikomische Farce von Peter Waschinsky

nach Motiven aus “Das Kind auf der Liste” von Annette Leo,

puppengespielt von Vera Pachale, Thobias Steinhardt/Mario Ecard und dem Autor

Nach Annette Leos Buch von 2018 entstanden in kurzer Zeit drei verschiedene Puppenspiel-Versionen, “Zigeunerleben...” ist eine davon. Behandelte das Buch das Schicksal des Sintojungen und Puppenspielersohnes Willy Blum, der statt des kleinen geretteten Juden (bekannt aus “Nackt unter Wölfen” von Bruno Apitz, in der DDR Schulpflichtlektüre) in Auschwitz ermordet wurde, geht es in Waschinskys Stück mit Lied-Einlagen vor dem Hintergrund des gern übersehenen Holocaust an den Sinti / Roma / Zigeunern auch noch um andere, gern übersehene Tatsachen aus NS- und späterer Zeit: Auf einer Theaterprobe kommt es zu skurrilen Diskussionen über KZ-Bordelle, Jüdische Kulturvereine im NS-Staat und schwule Nazis damals und heute, bis eine absurde Kampagne alles beendet.

Karsten Troyke schreibt dazu: Peters Waschinskys Stärke war schon immer der Umgang mit Worten, die mittels Handbewegungen und Figuren eine jeweils andere Bedeutung bekommen. Sehr erfolgreich mit Texten u.a. von Friedrich Hollaender, aber schon seit Jahren auch und jetzt vor allem: die vielen eigenen Texte mit Assoziationsketten, gereimt und auf den Punkt gebracht. Es entstehen Chansons, zumeist gesprochene, eine Handlung in verschiedenen Ebenen, in denen Worte mittels Puppenspiel und Epischem Theater auf ihre heutige Bedeutung durchgespielt werden. „Zigeunerleben oder der Bär im ZK“ hat all das in sich vereint mit insgesamt 3 Darstellern, aber dreimal so vielen (Puppen-)Mitspielern, und ich konnte nur atemlos mitdenken, den Faden verlieren, ihn wieder aufnehmen und mich erinnern, was ich wann zu welchem Thema einmal gedacht habe und was ich heute denke. Mehr kann man von Theater kaum verlangen. Wer das Stück sieht, wird sich mit Geschichte auseinandersetzen: Mit dem Schicksal des Sinto Willy Blum in Buchenwald, mit der Bürokratie im Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei der DDR, mit einer Theaterprobe zu diesen schwierigen Themen, die misslingt - und damit den heutigen Kulturbetrieb karrikiert.
Leider scheint diese Art Denksport aus der Zeit gefallen, einer Zeit, in der Worte nur nach ihrem „Triggerwert“ beurteilt werden und Halbsätze, selbst aus wörtlicher Rede eines Theaterstückes, als politisches Statement gewertet werden.
Zuschauermeinungen (neben überwiegend Zustimmung gab es auch harsche Ablehnung): “Ich habe selten so ein mutiges Stück erlebt...”, “...waren alle beeindruckt vom stück. die "simple" umsetzung, als auch die rasante abhandlung sovieler tabuisierter themen inklusive unorthodoxer sichtweisen darauf, die selbst nicht scheinen wieder gefahr zu laufen sich selbstgefällig moralisch zu erhöhen. und der witz!”,

 

oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo


In der Einsamkeit des Videos

Puppenspiel- und Video-Projekt nach "Walden", Regie Roscha A. Saidow,
Puppenspielstudenten des 3. Studienjahres HS "Ernst Busch"

 

Ein Projekt am Ende des 3. Studienjahres darf sicher schon mit annähernd professionellen Maßstäben gemessen werden, zumal die junge Regisseurin schon einige Arbeiten hinter sich und somit einige Erfahrung haben müsste. Sie hat auch schon als Regiestudentin mit Puppenspielstudenten gearbeitet.
Die Struktur des "Walden"-Projektes nach dem legendären Aussteigerbuch von 1854 ist einleuchtend für eine ca. 10köpfige Studentengruppe, wo verschieden orientierte Kreativität zum Zuge kommen, aber alles auch ein Ganzes ergeben soll. Das tat es hier alles in allem. In der Haupthandlung fährt der Held mit S-Bahn und allem Möglichen in den tiefen Wald, dieser Weg wird - wie manch anderes - etwas langatmig, aber mit verschiedenen Techniken, vor allem Stop-Motion-animierten Papierfiguren, die dann auch wieder direkt in der Realität auftauchen, recht abwechslungsreich - so wie überwiegend die ersten Teile des Projekts.
Die gesuchte Waldeinsamkeit wird immer wieder unterbrochen durch Besuche verschiedenster skurriler Figuren, meist direkt gefilmte Puppen. Diese Einlagen werden von verschiedenen Teams erstellt - die Unterschiedlichkeit wirkt belebend.
Etwas mehr vorwärtstreibende Handlung im Hauptstrang hätte sicher nicht geschadet - so finden die Auftritte der Helikoptermutter als SMS-Texteinblendungen statt,, was zwar lustig ist, aber einiges an Interaktion zwischen Mutter und Sohn verschenkt. Und so erzeugen die 5 Teile der "TV-Serie" nicht allzuviel Neugier auf die jeweils nächste Folge.
Eine gewisse Hilflosigkeit mit den Puppen erstaunt mich an dieser Hochschulabteilung immer wieder. Die Studenten tun, was sie können, ich vermisste eine prägnante Personenregie, ohne die die Studenten in diesem Stadium vielleicht ihre Fähigkeiten noch nicht richtig ausschöpfen können. Saidow ist eben keine Puppenspielregisseurin und machte ihre entsprechenden Erfahrungen an einem eher "schauspielorientierten" Puppentheater. Dort liess sie in "M" zwar auch permanent schauspielen, dazwischen aber gab es ein paar bestechend metaphorische Bildideen mit Puppen. Hier nicht. Sollten den Studenten für eigene Ideen Freiräume offengehalten werden?
Halten sich die Fachdozenten bei so etwas gänzlich raus? Oder sehen sie die Mängel schon nicht mehr? Pardon, aber: Der Hauptfigur zusehen zu müssen, endlos von den begrenzten Fähigkeiten von Puppe und - Pardon - Spieler, durch das TV-Medium wie unterm Vergrösserungsglas, war schon durch den geschlossenen Puppenmund in Grossaufnahme bar jeder Interessantheit. Die Puppe bewegte sich irgendwie, dazu wurde gesprochen - dass beides zusammengehörte, kurz, dass die Puppe sprach, fand nicht statt. Ja, mutig war die übliche Klappmaulpuppe durch eine Stabpuppe ersetzt, aber es war eben BLINDmutig gegenber dem zu erwartenden Effekt. Und ergab die Verweigerung der so gern genannten "vielfältigen Möglichkeiten des Mediums Puppenspiel".
Immerhin versuchten die Studenten, beim Figurenspiel zu bleiben. Um auf das Ende zu, als Puppenspiel und Einfälle ausdünnten, doch wieder selbst ins Bild zu kommen, meist wild geschminkt. Na, das hat dann aber bestimmt mächtig Spass gemacht. Und darum gehts doch. Oder? 

Also: Viele Schwächen. Trotzdem hatte man zumindest zeitweise den Eindruck, sie suchen nach den Möglichkeiten des Mediums, in Verbindung mit der Video-Technik, die im 21. Jahrhundert nunmal dazugehört. 

 

Ansehen:

www.livefromthewoods.com
WALDEN - LIVE FROM THE WOODS
Henry D. Thoreaus Aussteiger-Klassiker “Walden” als Webserie

 

 

oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo

 

ÜBERGRIFFIGE NEGER – KLAUENDE ZIGEUNER

oder

DIE NEUEN ANTI-RASSISTEN

Auch wenn ich noch nie selber konkreten Rassismus erlebt habe – also die abwertende oder gar gewalttätige Behandlung von Dunkelhäutigen durch Weiße – glaube ich keineswegs, daß es so etwas nicht gibt, in Deutschland wie anderswo. (So wie ich als hier und heute kaum noch stigmatisierter Schwuler nicht annehme, daß es allen anderen Schwulen und Lesben genauso geht, vor allem in manchen Ländern). Aber ich habe in Berlin einmal einen sexistischen Übergriff durch einen Schwarzen an einer Weißen erlebt. Ich schließe daraus nicht, daß das unter Südländern üblich ist. Aber war es ein Einzelfall?

In zwei von drei Zeitungsartikeln wird die Beteiligung von Dunkelhäutigen an den jüngsten Vorfällen in Stuttgart nur in Nebensätzen erwähnt: BERLINER KURIER und NEUES DEUTSCHLAND. Deutlich ist dagegen die B.Z.. Hier wird auch beschrieben, wie an der Demolierung von Geschäften usw. nicht nur, aber auch Dunkelhäutige, teilweise mit “Alah ist groß”, dem Schlachtruf der Islamisten, beteiligt waren.

Wem nützen latent einseitige Darstellungen wie in den erstgenannten Blättern? Werden da nicht ebenso einseitige Gegenpositionen bestätigt wie “Man darf gegen Flüchtlinge/Südländer/Ausländer nichts sagen”, auch wenn es in TV-Krimis durchaus häufig immigrantische Kriminelle gibt.

Die Vorstellung von “Negern” usw. als minderwertiger Rasse ist schon mal biologisch nicht haltbar – alle heutigen Menschen gehören derselben Rasse an. Aber genau deshalb kann man doch mit Fehlverhalten ALLER MENSCHEN offen umgehen. Warum muß ich zu kritischen Äußerungen usw. möglichst anfügen, daß ich seit langem die Roma-Familie meines rumänischen Patensohnes finanziell u.a. unterstütze, daß ich gegenwärtig eine slowakische Nachbarin gegen Mobbing berate und mit einer italienischen Tänzerin gearbeitet habe, um nur ja nicht als Rassist zu gelten?

Rassismus darf nicht kleingeredet, aber ebenso dürfte Anti-Rassismus nicht instrumentalisiert werden; falsche Unterstellung von Diskriminierung ist so gesehen eine subtile Unterstützung von Rassismus.

Eine Correctness-Fanatikerin stempelt unaufhörlich zwei Sänger als Rassisten ab, die das völlige Gegenteil sind, weil in einem alten jiddischen Lied das Wort “Zigeuner” vorkam bzw. weil nicht genügend Roma-Gene vorhanden sind, um entsprechende Lieder singen zu dürfen - der Arier-Nachweis der Nazis läßt grüßen. Und: Die besagte Dame kann ihre abstruse Position ungehindert vertreten und Künstlern wird ernsthaft an der Existenz gesägt, weil sie Veranstalter und Behörden dazu bringt, Konzerte usw. zu unterbinden.

So wie unlängst Schaubuden-Chef Tim Sandweg einen mit Sicherheit nicht rassistischen Abend über das “andere” Buchenwaldkind, den in Auschwitz ermordeten Sinto und Puppenspielersohn Willy Blum, einfach absetzte, weil ich mich angeblich unanständig auf Facebook geäußert hatte. Statt direkt von meinem angeblichen Rassismus zu schreiben, was er sich denn wohl doch nicht traute, blieb er in seiner Begründung schwammig-empört. Ich hatte mich auf facebook gegen ein gefordertes Radikalverbot von Worten wie “Neger” und “Zigeuner” gewandt und schloß mich damit einem deutschen Gerichtsurteil an. Und bezog mich indirekt auf verschiedene jüngere seriöse Darstellungen, denen zufolge viele osteuropäische Zigan/Zigeuner eben genau so genannt werden wollen und nicht – wie angeblich einzig korrekt - “Roma” (das empfände er wie die Äußerung “Alle Zigeuner klauen”, schrieb mein Zigan-Patensohn). Kurzum: Der Versuch, Sprache zu reinigen und durchweg “correct” zu machen, wird instrumentalisiert.

Mein anderes Stück um Willy Blum, in dem es noch um weitere Verdrängungen geht, KZ-Bordelle oder schwule Nazis gestern und heute, lehnte die Schaubude von vornherein ab. Es ist eben nicht “correct”. Dafür von Waschinsky, der wegen einer kritischen Grundeinstellung seit über 20 Jahren aus der Schaubude – zentrales Berliner Puppentheater – so wie übrigens schon vor der Wende weitgehend ferngehalten wird. Und wenns neuerdings wegen Rassismus ist.

Und so wird die gegenwärtige Anti-Rassismus-Welle wohl auch mit sich bringen, daß sich so mancher als Antirassist profiliert, um seine ganz anderen Ambitionen zu decken.

 

ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo

 

UNBEWEGTE DINGE - DAS  G A N Z  NEUE PUPPENTHEATER 

 

Andere Theater streamen im Web Aufführungen. Die Schaubude dagegen läßt derzeit das Corona-Loch mit einer virtuellen Art Objekt-Ausstellung füllen und bittet um Beteiligung. Mit Dingen und ihrer Geschichte, die, so die Vorgabe, sich auf Deutschlands Teilung beziehen möge - das Wiedervereinigungsjubiläum steht vor der Tür.

Ich reichte also meine Geschichte mit Foto ein, etwa so lang wie andere. Und wurde gebeten, mich doch zu beschränken auf... Kurz, wo meine Geschichte gegenwartsnahe FOLGEN der Teilung anspricht (Theater mit Objekten eher westlich, mit Puppen eher ostig) bricht sie nun ab und präsentiert als die kürzeste von allen Geschichten einfach nur einen Ossi, der im Westen spielen durfte.

 

https://wasbleibt-schaubude.com/archiv/

 

Jedenfalls hier der gesamte Text, die "gereinigte" Version grün

(übrigens wurde ein inhaltlich nahe liegendes Puppenspiel-Programm mit meinen satirisch-kritischen Szenen aus der Zeit der Wende, zu deren Jubiläum, von der Schaubude abgelehnt) 

 

Handschuh und Kiste

waren 1976 neben wenigen anderen Dingen sowie meinen nackten Händen die Akteure meines ersten Soloprogramms “Regenwürmer”. Auf dem DDR-Puppenspielfestival in diesem Jahr fiel es bei der Jury durch, die mit solch armem Puppentheater ohne Puppen nichts anfangen konnte, aber Veranstalter im In- und Ausland sahen das anders und bald darauf war es für einige Jahre das international erfolgreichste Puppenstück aus der DDR. Natürlich auch, weil man mich reisen ließ, in den Westen.

Die Kiste hatte Christian Werdin gebaut, Mitte der 70er mein Assistent, der bald darauf einer der wichtigsten Puppenbauer des Landes wurde.

Eine Anfrage aus USA wurde von einem DDR-Puppenspiel-Funktionär mit “Er ist nicht typisch” beantwortet, was mich natürlich noch interessanter machte. Und so spielte ich 1980 auf dem UNIMA-Festival in Washington D.C., wo die vietnamesischen Legenden, Grundlage von “Regenwürmer”, so kurz nach dem Vietnamkrieg nicht nur ästhetisch provokant wirkten . Ich trat dort nach erfolgreichem Auftritt auch in einem TV-Special der Muppets auf, damals die erfolgreichste TV-Show der Welt. Via Westfernsehen nahmen mich nun auch viele DDR-Bürger wahr.

1985 war Objekttheater, dessen Anfänge ich an der Quelle in Frankreich wahrgenommen hatte, noch frisch und so machte ich einen politisch etwas anstößigen Kurzfilm “Rechtsfindung” (DEFA) nach Brecht, wo Schauspieler kleine Figuren manipulieren, bevor sie selbst zu manipulierten Marionetten werden.

20 Jahre später – die hier schon vorgestellte Silvia B. war nun Leiterin der Schaubude, für die ich in den 90ern insgesamt vier größere Projekte realisiert hatte. Danach hatte sie mich inzwischen “aussortiert”, jetzt waren eben gerade puppenfreie Spiele gefragt - ich jedoch fand, daß nach vielen Grenzüberschreitungen wieder die Substanz des Puppengenres gepflegt und weiterentwickelt werden sollte. Ich war also nur noch sehr selten in der Schaubude präsent und irgendwann fast vergessen.

Da sagte sie 2000 plötzlich in einer Sendung auf 3Sat: „Er ist ja ein Mensch, ein Künstler, der unentwegt Impulse gibt, sich unentwegt reibt, unentwegt Energie freisetzt ... und da ist schon sehr viel entstanden. Also ich war in diesem Jahr zum ersten Mal in Amerika und da ist Waschinsky ’ne Legende, jeder Puppenspieler, dem man da begegnet... „Wie geht es Peter Waschinsky?“ Und dann wird von seinen „Regenwürmern“ geredet. Also diese „Regenwürmer“ haben tatsächlich eine Auseinandersetzung mit den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten im Puppentheater provoziert, international wie national.“

Kiste und Handschuh sind immer noch da. Nun, 2020, wollte ich mit 70 Jahren langsam mein Berufsleben beenden und in einem Abend mit einigem Neuen auch noch einmal auf meine Anfänge zurückkommen und genau die Szene mit Kiste und Handschuh zeigen: Einerseits das Video von damals, dann aber live gespielt. Der jetzige Schaubudenchef lehnte ab, wie zuvor die meisten meiner Vorschläge.

Das überlagerte sich mit einem Vorfall: Ich sollte nun doch noch einmal für die Schaubude spielen. Ein Programm zu einer antirassistischen Aktion, wo ich u.a. mit nackten Händen Leben und Tod des in Auschwitz ermordeten Sinto und Puppenspielersohnes Willy Blum illustriere.

Kurz zuvor sprach ich mich im Internet dafür aus, Worte wie Neger und Zigeuner nicht zu verbieten, sondern entspannt damit umzugehen und ihre negative Bedeutung zu neutralisieren. Das wurde mir von der Schaubude mit diffuser Begründung verübelt und der mit Sicherheit antirassistische Abend gekündigt, der dadurch wiederum selbst in den Verdacht geriet, rassistisch angehaucht zu sein.

Setzt die Schaubude mit ihrem Projekt sprechender Dinge – die Objekte werden schon nicht mal mehr animiert wie im Objekttheater – ihren eher puppenspielfremden Trend fort, um aus dem Haus langsam etwas anderes zu machen? Der Politik wird’s recht sein, sie hat 2018 aus dem zweitgrößten Puppentheater Berlins handstreichartig ein Tanzhaus gemacht (Details dazu auf „Waschinskys Generalanzeiger“).

 

ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo

 

Der künstlerische Bauhaus-Kasper

Zum Tod des Puppenspielers Frieder Simon

Frieders Kaspertheater, daran erinnert man sich vielleicht als erstes, war getragen von unerschütterlicher Freundlichkeit. Es paßte bestens in einen dezent kulturbeflissenen Zuschauerkreis, der auch handgemachte Musik schätzte – so wie er, der sie auch selber betrieb.

In seiner Biografie gibt es da zunächst Prägung sowohl handwerklicher wie auch künstlerischer Art. Sein Vater war Puppenspieler. Frieder, geboren am 16. Juli 1936, spielte von Kindheit an mit - lernte aber erst einmal den Beruf des Tischlers – sicher nicht zum Nachteil dessen, was da noch kommen sollte. Die ihm zunächst von DDR-Verhältnissen versagte Hochschulreife als Voraussetzung seines Designstudiums – damals noch anders geheißen – erarbeitete er sich auf Umwegen. Endlich aber hatte er es, das Diplom der namhaften Burg Giebichenstein, jener Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle, vom Bauhaus sowohl beeinflußt als auch dessen Konkurrent.

Seiner Geburtsstadt Halle blieb er immer treu, dem Design im Sinne seiner Ausbildung dagegen nicht lange, sondern machte das Kaspertheater bald zum Hauptberuf. Designer war er trotzdem, nämlich der seiner Puppen und seiner Kasperbühne, von Plakaten und anderem. Hier spürte man neben seiner persönlichen Handschrift den Bauhaus-Einfluß. Der war damals durchaus provokant in der DDR.

Andererseits prägte ihn das “künstlerische Handpuppenspiel” der ersten 20.-Jahrhunderthälfte, also Hohnsteiner, Max Jacob und Co., die – für ihre Situation durchaus nachvollziehbar – mit “künstlerisch” ihre Abkehr vom Jahrmarktskasper signalisiert hatten. Damals zwischen den Kriegen waren Bauhaus einer- und “künstlerisches Puppenspiel” andererseits sicher in jeweils ihrer Sphäre Vorreiter, aber eben in unterschiedlichen Teil-Welten, die sich gegenseitig wohl kaum wahrnahmen. Bauhaus zählte letztlich zur Hochkultur, Puppenspiel, auch künstlerisches, eher nicht.

Frieder Simon aber fügte beides weitgehend schlüssig zusammen. Als ich das einmal in meiner Ansage seines Auftritts bei einem kleinen Festival erwähnte, fühlte er sich offensichtlich verstanden. Ja, so meinte er es.

Er bezog sich außerdem auf Elemente des 19. Jahrhunderts, wenn er als Prinzipal sein Unternehmen freundlich-nostalgisch und ironisch-hochtrabend Original Kunstfiguren- & Caspertheater LariFari  nannte . Daß sein Kasper der geraden Formen nicht mehr das etwas brutale Grinsen seines Hohnsteiner Pendants von Schnitzer Theo Eggink hatte, sondern ein strahlendes Lachen, entsprach dem gutmütigem Humor seines Spiels. Über Kaspers Späße lachte machmal auch hörbar sein Spieler.

Mit seinen Puppenspiel-Texten adaptierte er Märchen oder ältere Stücke, bevorzugt von Franz Pocci und machte oft schon mit den Titeln deutlich, daß der Zuschauer Spaßiges, jedoch keine Comedy zu erwarten hatte – aber auch keine radikale Stückzertrümmerung: “Gevatter Tod oder Kasper als Doktor – Arztschnulze ohne Fortsetzung “. Da wußte man doch, woran man ist! Er machte sich mit kleinen Einlagen über Entgleisungen im öffentlichen Leben lustig – und gelegentlich auch über das Spiel mit nackten Fingern eines Kollegen, die ihm als mögliche Puppenspielvariante nicht so recht einleuchteten. Nunja, andere schießen aus dem Hinterhalt, er offen von der Bühne. Manche jüngere Kasper- und andere Spieler sagten ihm nicht mehr zu und manche Entwicklung mißverstand er latent als persönlichen Angriff. Er war eine ausgeprägte Perönlichkeit - einschließlich seiner Irrtümer.

Während das DDR-Puppentheater noch lange ziellos Puppenspiel-Moderne aus Osteuropa, oder was man dafür hielt, nachmachte, war Frieder Simon, indem er einen von klassischer deutscher Moderne inspirierten Personalstil entwickelte, der ziemlich einsame Vorreiter einer Erneuerung des Genres in seinem Land!